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Soziale Netzwerke nicht anzapfen

Facebook-Seite„Soziale Netzwerke gehören wie der Freundeskreis zur Privatsphäre und dürfen daher nicht von der Schufa angezapft werden.“Die Schufa will Daten in sozialen Netzwerken sammeln, um damit die Kreditwürdigkeit der Nutzer zu bewerten. Justizministerin Sabine Leutheusser-Schnarrenberger warnte das Unternehmen davor, Facebook-Daten zur Bonitätsprüfung heranzuziehen: „Es darf nicht sein, dass Facebook-Freunde und Vorlieben dazu führen, dass man zum Beispiel keinen Handy-Vertrag abschließen kann“, sagte sie „Spiegel Online“. FDP-Fraktionschef Rainer Brüderle forderte die Schufa auf, von ihren Plänen Abstand zu nehmen.

Die Schufa sollte ihr Vorhaben umfassend offenlegen, forderte Leutheusser-Schnarrenberger. Welche Daten dazu führen, ob jemand als zahlungsfähig eingestuft werde, sei schon jetzt umstritten. „Die Einstufung der sogenannten Zahlungsfähigkeit muss endlich vollständig nachvollziehbar werden“, sagte die Justizministerin.

Sabine Leutheusser-SchnarrenbergerDie Auskunftsfirma Schufa will zusammen mit dem Hasso-Plattner-Institut für Softwaresystemtechnik der Universität Potsdam erforschen, wie soziale Online-Netzwerke zur Datengewinnung und –auswertung genutzt werden können. Dahinter steht der Gedanke, dass die bei Facebook, Twitter, Xing, LinkedIn und anderen Internet-Plattformen veröffentlichten Daten über Vorlieben und soziale Kontakte Rückschlüsse auf die Zahlungsmoral zulassen könnten.

Dieses Vorhaben alarmiert Politiker und Datenschützer. Auch der Verbraucherbeirat der Schufa, den das Unternehmen offenbar nicht in seine Pläne eingeweiht hatte, reagierte bestürzt: „Wir sehen es mit Befremden, dass über Inhalt und Ziel dieses Projektes mit dem Beirat vorher nicht gesprochen worden ist“, schrieben einige Mitglieder am Donnerstag in einer E-Mail an den Vorstandsvorsitzenden. Sie fordern den Schufa-Chef auf, „sehr schnell offen zu legen, was die Schufa plant“. Dem Beirat gehören Verbraucherschützer, Wissenschaftler und Journalisten an.

Brüderle: Soziale Netzwerke gehören zur Privatsphäre

Rainer BrüderleAuch FDP-Fraktionschef Rainer Brüderle gehen die Pläne zu weit: „Soziale Netzwerke gehören wie der Freundeskreis zur Privatsphäre und dürfen daher nicht von der Schufa angezapft werden“, sagte er „Spiegel Online“. Für die Liberalen gelte der Satz: „Meine Daten gehören mir.“ Das Vorhaben der Schufa zeige, dass jeder Einzelne sorgfältig mit seinen Daten umgehen müsse. Auf diese Weise könne Missbrauch am besten verhindert werden.

Wenn das soziale Leben, der Freundes- und Kollegenkreis in Zukunft zur Berechnung eines Score-Wertes genutzt werden sollen, „wird die rote Linie überschritten“, sagte Gisela Piltz, innenpolitische Sprecherin der FDP-Fraktion. Die sozialen Kontakte von Menschen zur Berechnung der Kreditwürdigkeit heranzuziehen, sei mit der Menschenwürde unvereinbar.

Schweickert: Scoring-Regelung im Bundesdatenschutzgesetz prüfen

Auch der verbraucherschutzpolitische Sprecher der FDP im Bundestag, Erik Schweickert, betonte im Interview mit dem "Deutschlandfunk", dass letztlich jeder selbst dafür verantwortlich sei, was er bei Social-Media-Plattformen veröffentlicht. Die Frage sei nur, ob diese Daten dann – wie bei einem Handyvertrag – an die Schufa übermittelt werden dürfen. Für Schweickert handelt es sich hier um private Informationen „und so muss man es auch handhaben“.

„Das soziale Leben, der Freundes- oder der Kollegenkreis gehören zur Privatsphäre eines Menschen, und das ist eigentlich für Scoring Tabu.“ Jetzt sei der Gesetzgeber gefragt, zu untersuchen, ob die Regelungen im Bundesdatenschutzgesetz zum sogenannten Scoring „eventuell mangelhaft“ sind. „Das ist ein Gesetz der Großen Koalition und wir müssen uns des Themas jetzt annehmen“, so der liberale Verbraucherschutzexperte.

Aus rein wissenschaftlicher Sicht sei eine solche Studie natürlich nachvollziehbar. „So ist aber in diesem Falle nicht gewesen, sondern es gab ja einen klaren Forschungsauftrag mit einer Projektskizze in der ein klarer Hintergrund erkennbar war“, erklärte Schweickert weiter. Die Schufa möchte in Zukunft ihre Vorhersage zur Kreditwürdigkeit eines Kreditnehmers mit Daten von sozialen Netzwerken anreichern. „Sie möchte prüfen, ob das geht, wie das geht, ob da Korrelationen, also Abhängigkeiten bestehen.“ Aber das seien Dinge, die ein großer Teil der Bevölkerung ablehnt. Daher sei die Politik jetzt gefordert, Klarheit zu schaffen.

Daten aus sozialen Netzwerken sind für Scoring tabu

„Zahl der Freunde mal Herkunft der Arbeitskollegen plus Farbe der Hausfassade minus Musikgeschmack und das Ganze dann noch multipliziert mit Kontodaten, Versicherungsverträgen und Ratenzahlungsvereinbarungen – ein solches Szenario darf nicht Realität werden“, betonte Piltz. Es müsse klargestellt werden, dass Daten zum Freundeskreis oder aus den Profilen sozialer Netzwerke für Scorewert-Berechnungen tabu seien. Die Regierung müsse so schnell wie möglich prüfen, ob Raum für eine gesetzliche Klarstellung bestehe.

Hasso-Plattner-Institut beendet Vertrag mit Schufa

Die Kritik von Politikern und Datenschützern hat ihre Wirkung nicht verfehlt. Am Freitagnachmittag gab das Potsdamer Hasso-Plattner-Institut (HPI) bekannt, dass der umstrittene Forschungsvertrag zur Datensammlung im Internet mit der Schufa gekündigt wurde.

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