Chancen durch Vielfalt – durch mehr Frauen in der FDP

Chancen durch Vielfalt – durch mehr Frauen in der FDP
07.11.2018

Chancen durch Vielfalt – davon sind Freie Demokraten überzeugt. Doch leider sind Frauen in der Partei sowohl in der Mitgliedschaft als auch in Führungsfunktionen stark unterrepräsentiert. Das will die FDP ändern: Eine Ad-hoc-Arbeitsgruppe des Präsidiums analysiert seit dem Frühjahr, wie die Partei wieder für Frauen attraktiv werden kann. Ersten Arbeitsergebnissen gingen die Freien Demokraten bei der Veranstaltung „Frauen in der FDP – Mehr Chancen durch Vielfalt“ am Montagabend auf den Grund.

FDP-Generalsekretärin Nicola Beer erinnerte in ihrer Eröffnungsrede daran, dass die FDP in den 70ern Gleichberechtigung und Gleichstellung der Frauen als erste der im Bundestag vertretenen Partei in den Fokus genommen hatte. Mit Namen wie Hildegard Hamm-Brücher und Ingrid Matthäus-Maier verbindet sich der Kampf gegen den damaligen Abtreibungsparagraphen 218 in Westdeutschland, aber auch für gleichen Lohn für gleiche Arbeit. Freie Demokraten setzten sich für die Abschaffung von Beschäftigungsverboten für Frauen ein und warben für den Vaterurlaub. Doch nun müssen die Freien Demokraten konstatieren, dass der Frauenanteil der FDP mit 22 Prozent so niedrig ist wie nie zuvor in den vergangenen Jahren.

Für eine Partei, die stets vom freien, mündigen, selbstbestimmten Menschen ausgehe, sei möglicherweise zu selbstverständlich gewesen, dass jede und jeder die gleichen Rechte und Chancen haben müsse, so dass man sich bezüglich des „anderen“ Geschlechts zu wenig damit beschäftigt habe, ob und wie „anders“ den Unterschied macht in der Politik.

Wie müssen sich also Inhalte, Arbeitsstil und Strukturen verändern, um mehr Frauen anzuziehen? Dieser Frage gingen Beer, Bundesgeschäftsführer Marco Mendorf und die Frauen und Männer der Arbeitsgruppe nach. Sie hörten sich bei den Frauen in der Partei um, sammelten wissenschaftliche Erkenntnisse und Ideen, die „gerne quergebürstet, abgeklopft und ergebnisoffen diskutiert“ werden sollen, so Beer. Auf dieser Grundlage sollen für den nächsten Bundesparteitag Vorschläge entwickelt werden, wie man mehr Frauen für die FDP gewinnen und sie in der Partei voranbringen kann.

Das Potential ist da

Am Montag wurde das Ergebnis einer Befragung unter weiblichen Mitgliedern der FDP vorgestellt. Ina E. Bieber, Wissenschaftlerin am Leibniz Institut für Sozialwissenschaften, hatte die Ergebnisse der Online-Umfrage ausgewertet.  Die zentrale Erkenntnis ist: Gerade die vielen neuen weiblichen Mitglieder bringen eine hohe Motivation mit und wollen sich für die Freien Demokraten und mit ihnen engagieren. 42 Prozent der weiblichen Parteimitglieder, die an der Umfrage teilgenommen haben, sind daran interessiert, ein politisches Amt zu übernehmen. Allerdings engagieren sich laut Umfrage die Frauen in der FDP häufig deshalb nicht, weil sie andere Prioritäten beruflich oder privat setzen beziehungsweise die Prozesse und Arbeitsweise der Partei als „zu männlich“ empfinden.

Eine Erkenntnis scheint für Ina E. Bieber zentral zu sein: Strukturelle Veränderungen der Parteiorganisation und -struktur sind dringend und zwingend notwendig, damit Frauen die Chance bekommen, sich innerhalb der Parteien effektiv und angemessen engagieren zu können. Sie fand heraus: Die Frauen möchten insbesondere Frauennetzwerke, Mentoring-Programme, Schulungen oder Workshops. Außerdem ist der Zeitfaktor für Frauen ein großes Problem. Daher sei zu überlegen, inwiefern Parteiarbeit effizienter organisiert werden kann, so Bieber.

Ziele statt Quote

Bei der anschließenden regen Diskussion, humorvoll und provokant – „Die Quote ist Ihr weißer Elefant im Raum“ - von Anna Sauerbrey vom Tagesspiegel moderiert, ging es um Fragen wie: Warum sind Sie der FDP beigetreten? Lassen sich Parteiveranstaltungen frauenfreundlicher organisieren? Braucht es spezifische Kampagnen zur Gewinnung weiblicher Mitglieder? Braucht es mehr gendergerechte Sprache in der Kommunikation oder Schulungsprogramme zum Diversity Management, vor allem für Männer? Die Wahrnehmung der Podiumsteilnehmerinnen ähnelte sich sehr: Die FDP wird momentan leider immer noch als eine Partei der Netzwerke älterer Männer wahrgenommen. 

Es muss darum gehen, schon aus dem Ortsverband heraus über Mentoring und Netzwerke Frauen so zu fördern, dass sie über alle Ebenen der Partei nachgezogen werden. So wie es die Männer untereinander in der Partei machen, lautet das Urteil.

Die FDP-Abgeordnete im Berliner Abgeordnetenhaus, Maren Jasper-Winter, ist überzeugt, dass weibliche Vorbilder wichtig sind. Frauen wie sie streben einen kulturellen Wandel in der FDP an, also Frauenförderung auch durch Männer - aus Einsicht in die Notwendigkeit. Sie hält das inzwischen für wichtiger als eine Frauenquote wie bei anderen Parteien und schließt sich da ihrer Kollegin, der FDP-Bundestagsabgeordneten Nicole Bauer an. Die 31jährige aus Bayern gehört ebenfalls der Arbeitsgruppe "Chancen durch Vielfalt" an. Auch sie sieht Handlungsbedarf. Zum Beispiel beim Thema Vereinbarkeit von Beruf, Familie und Ehrenamt.

Warum, zum Beispiel, fänden die meisten Treffen abends unter der Woche statt? Für berufstätige Frauen mit Kindern sei das ungünstig. "Ich fände es gut, sich auch mal am Samstagmorgen zum Brunch zu treffen", sagt Nicole Bauer. Sie will lieber von einer "Zielvereinbarung statt Quote" sprechen und sie betont: "Rein zu diskutieren, Quote ja oder nein‘ – da macht man es sich zu einfach." Dass es auch ohne Quote geht, haben die Jungen Liberalen bewiesen. Die JuLis haben auch nur ein Fünftel weibliche Mitglieder, wählten aber trotzdem einen Bundesvorstand, in dem sich mehr Frauen als Männer engagieren.

Frauen sind nicht gleich Frauen

Eine weitere Erkenntnis der Runde, so banal sie klingen mag: Frauen sind nicht gleich Frauen. Vor allem auch die jeweilige Lebenssituation macht Unterschiede. Die 20jährigen haben andere Möglichkeiten, sich einzubringen und zu engagieren, als Frauen über beispielsweise 30, die für die Politik nicht auf Kinder verzichten wollen. Sie wollen auch nicht warten, bis die Kinder groß sind, ehe sie für ein Amt kandidieren. Sie wollen traditionelle Rollenbilder aufbrechen. Sie wollen die Ideale, für die sie politisch kämpfen – Selbstbestimmung, Emanzipation – auch privat leben. Und Frauen nach ihrer Berufstätigkeit haben oft andere inhaltliche Interessen, als ihre Kolleginnen in den früheren Lebensphasen. Kurz: Sie alle brauchen jeweils eine andere Ansprache und passgenaue Maßnahmen, um deren Potentiale zu heben.

Es braucht also ein Bündel an Maßnahmen, um mehr Frauen für die FDP zu gewinnen. Aber es müsse auch klar sein, dass Macht geteilt werden müsse: „Wo Frauen ein Mandat bekommen, kann es kein Mann haben.“ Die Generalsekretärin will nun zusammen mit der Arbeitsgruppe entsprechende Vorschläge machen, wie der Frauenanteil in den Gremien und bei den Mandaten ohne feste Quote erhöhen werden könnte.  "Ein denkbares Instrument sind Zielvereinbarungen", sagt Beer.

„Dazu brauchen wir Chancengleichheit im Alltag der Partei. Das ist eine Frage der politischen Kultur, des Umgangs miteinander - ein Aspekt unseres Leitbildes, der deutlicher werden muss", unterstreicht Beer. In der Arbeitsgruppe wird deshalb neben einer "Liberalen Agenda für eine Gesellschaft der Chancen" u.a. auch an einem Diversity-Management-System und einem Code of Conduct gearbeitet.

Die FDP ringt um die beste, nicht nur die einfachste Lösung

Die FDP sucht also nicht nach einer einfachen Lösung. Sie will ran an ihre Themen, an ihre Parteikultur, an Förderprogramme für Talente, an ihre Organisation. Sie ringt um den besseren, den wirksameren Weg. Ziel ist eine offene Führungskultur, die Chancen ermöglicht, Ziele setzt, überprüft und auch durchsetzt. "Die Förderung von Frauen gehört dazu, muss selbstverständliche politische DNA der Partei sein: denn täglich gelebte Vielfalt wird uns stärker machen. Alle“, ist Beer überzeugt.

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