Mensch Genscher

Christian Lindner über Hans-Dietrich Genscher
12.12.2018

Kaum ein anderer hat die FDP so geprägt wie Hans-Dietrich Genscher. Engagiert, aber auch sehr menschlich, so beschreiben seine frühere Weggefährten den langjährigen Außenminister und Ehrenvorsitzenden der Freien Demokratischen Partei. Kollegen, ein Schulkamerad, ein Leibwächter, der frühere sowjetische Staatschef Michail Gorbatschow – sie alle kommen in dem frisch erschienenen Interview-Band "Mensch Genscher" zu Wort. Just an dem Tag, an dem sich die Gründung der Partei zum siebzigsten Mal jährt, stellte die Herausgeberin und Journalistin Bettina Schaefer ihr Buch vor. FDP-Chef Christian Lindner äußerte in Erinnerung an Genscher die Hoffnung, dass die Briten "von dem Gedanken Abstand nehmen, die EU zu verlassen". Für Generalsekretärin Nicola Beer gilt weiterhin Genschers Grundsatz: "Ohne Europa hat die Bundesrepublik keine Gegenwart und keine Zukunft."

Lindner unterstrich in seiner Begrüßungsrede, dass die "politische Persönlichkeit Hans-Dietrich Genscher mit ihrem Grundanliegen" unverändert im Zentrum unserer Politik steht. Der FDP-Politiker, der als deutscher Außenminister die Wende mit gestaltet hat, wäre im Jahr 2018 mit seinem Koordinatensystem im Zentrum der politischen Debatten - nicht nur bei der FDP, gibt Lindner Antwort auf die Frage, wo die Freie Demokratische Partei heute steht, zweieinhalb Jahre nach seinem Tod, 70 Jahre nach ihrer Gründung am 11. und 12. Dezember 1948 in Heppenheim. Bei der Veranstaltung aber ging es um den Menschen Genscher, um seine Stärken und Schwächen, seinen Eigenarten: "Hans-Dietrich Genscher war ein Mensch mit Humor, der sich auch im höheren Alter, der sich dem einen oder anderen Genuss hingeben konnte, wie beispielsweise Götterspeise", brachte er auch Genschers Witwe Barbara zum Lachen.

Auch das Buch hat seine amüsanten Seiten. Im Interview-Band berichtet sein früherer Personenschützer Bernd Schier beispielsweise, dass Genscher im Auto immer vorn habe sitzen wollen: "Er wollte nicht von hinten um die Ecke gucken müssen, sondern immer Herr der Lage sein." Die Verlegerin Friede Springer, die sich ebenfalls im Hans-Dietrich Genscher-Haus eingefunden hatte, berichtet, sie habe Genscher,  als einen "unglaublich fröhlichen und in sich ruhenden Mann" erlebt. Dieter Fox, der zu den ersten Mitgliedern der von Genscher 1972 ins Leben gerufenen Spezialeinheit GSG 9 gehörte, erzählt, Genscher habe sich kaputtlachen können "über irgendein Ding, das passiert war, und fünf Minuten später noch mal darüber lachen, weil es so witzig war". Die Journalistin Bettina Schaefer lieferte in der Lesung aus ihrem Buch einige dieser Kostproben.

 

"Ich erinnere mich, wie er vor lauter Wut einmal an eine dicke Aktentasche trat und sich den Zeh gebrochen hat", erzählt seine langjährige Sekretärin Ilona Schmid. "Wenn Genscher dann registrierte, dass er einen Fehler gemacht hatte, ist er um einen rumgeschlichen wie die Katze um den Milchtopf." Neben Schmid haben sich an diesem Mittwoch auch Pesönlichkeiten wie Michail Chodorkowski im Hans-Dietrich Genscher-Haus eingefunden. Monatelang hatte sich das außenpolitische Schwergewicht in Absprache mit der Bundesregierung für den Putin-Gegner eingesetzt und dessen Freilassung nach mehr als zehn Jahren Haft erwirkt.

Unter den Gästen waren außerdem: Gerhart Baum, Alexander Graf Lambsdorff, Gyde Jensen, Klaus Kinkel, Sabine Leutheusser-Schnarrenberger, Cornelia Pieper, Hermann Otto Solms, Friede Springer, und Michael Theurer. Es kamen Botschaftsvertreter, und ehemalige Mitarbeiter aus der gesamten liberalen Familie und dem Auswärtigen Amt, um nur einige zu nennen.

FDP-Generalsekretärin Nicola Beer ehrte Genscher als Übervater des deutschen Liberalismus: "Kein Liberaler hat die Bundesrepublik und die FDP vergleichbar geprägt.  In diesen aufgewühlten Zeiten bräuchten wir einen Mann – natürlich darf es auch eine Frau sein – mit den Fähigkeiten und Begabungen Hans Dietrich Genschers." Beer spielt dabei auf den Brexit an. Den Europawahlen, in denen in vielen Ländern der EU Links- und Rechtspopulisten mit Ressentiments gegen Brüssel und die europäische Gemeinschaft trommeln. Auf Putins Russland und auf die Verwerfungen in den USA.

Vor diesem Hntergrund erinnerte die Generalsekretärin an die Stärken des langjährigen Außenministers: "Hans Dietrich Genscher war ein Virtuose der Macht. Er setzte dafür auf Menschen, denen er zuhörte, mit denen er sich austauschte, er setzte in der Politik auf Vertrauen, auf Bindungen und Beziehungen." Groß oder klein, Nord oder Süd, Ost oder West – Genscher habe jeden Gesprächs-, jeden Verhandlungspartner mit Respekt behandelt, auch indem er dessen Interessen wahrnahm und hochachte. "Nur so, das war sein Credo, können Verhandlungen zu einem vernünftigen Ergebnis führen, indem es keine Verlierer gibt."

Für Beer war Hans Dietrich Genscher der größte Außenminister, den Deutschland im letzten Jahrhundert hatte. "Ein Virtuose der Verhandlungen. Ein Mann mit dem besonderen Gespür, den anderen, den Gegenüber ernst zu nehmen. Ein Diplomat von Rang – wie wir ihn heute bräuchten." Daher dankte sie Bettina Schäfer, dass sie seine Weggefährten in Buch versammelt hat.

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