Wahlprüfsteine von "Vegetarierbund Deutschland e.V. (Vebu)"

Fragen:

Grundsatzfragen 1. Gesamtstrategie Ernährungs- und Landwirtschaftswende: Das gegenwärtige Produktions- und Konsumniveau tierischer Produkte in Deutschland ist nicht nachhaltig und unter anderem aus Gründen des Umwelt-, Tier- und Gesundheitsschutzes zu hoch. Wird sich Ihre Partei für einen Paradigmenwechsel in der Ernährungs- und Landwirtschaftspolitik einsetzen, der auf eine Senkung der Produktion und des Konsums dieser Produkte abzielt und mit entsprechenden Maßnahmen hinterlegt ist?

Nein. Wir wollen die Menschen ermuntern, selbstbestimmt auszuwählen und zu entscheiden. Die politische Steuerung des Konsums, eine Verbots- und Bevormundungspolitik sowie Werbeverbote für vermeintlich ungesunde Lebensmittel lehnen wir daher ab. Wir setzen uns stattdessen für eine sachliche und informative Nährwertkennzeichnung von Lebensmitteln ein. Für Lebensmittelproduzenten gilt, dass sie ihre Produktionsentscheidung an Angebot und Nachfrage auf dem Markt ausrichten.

2. Ressortzuschnitt der Ministerien: Das Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft (BMEL) vereint in seinem Kompetenzbereich mit den Bereichen Ernährung und Landwirtschaft zwei Themengebiete, deren Berücksichtigung divergierende und teils gegensätzliche Politiken notwendig macht. Wird sich Ihre Partei angesichts dieses Widerspruches für eine Trennung der Zuständigkeiten des Ministeriums einsetzen?

Nein. Wir Freie Demokraten sind nicht der Auffassung, dass die beiden Bereiche Landwirtschaft und Ernährung divergierende und teils gegensätzliche Politiken notwendig machen. Im Gegenteil hat es die Entwicklung der Landwirtschaft im letzten Jahrhundert möglich gemacht, dass deutlich mehr Menschen mit hochwertigen Nahrungsmitteln versorgt werden können. Die Qualität unser Nahrungsmittel war noch nie besser als heute. Insofern sehen wir Landwirtschafts- und Ernährungspolitik als zwei Seiten derselben Medaille. 

Themenbereich Verbraucherschutz 3. Definition vegan/vegetarisch Trotz großer Fortschritte in Deutschland (u.a. Definitionsempfehlungen der Verbraucherschutzministerkonferenz vom April 2016) gibt es aktuell keine rechtsverbindliche Definition der Begriffe ,,vegan" und ,,vegetarisch" für die freiwillige Kennzeichnung von Lebensmitteln. Die EU-Kommission kommt ihrer in der Lebensmittelinformationsverordnung (LMIV) verankerten Pflicht, die notwendigen Definitionen zu erarbeiten, seit 5 Jahren nicht nach. a) Wird sich Ihre Partei angesichts der zunehmenden Zahl von Verbrauchern, die vegan oder vegetarisch leben bzw. ihren Konsum tierischer Produkte reduzieren möchten, für eine klare gesetzliche Definition dieser Begriffe einsetzen?

Ja. Eine einheitliche Definition von vegetarisch und vegan könnte auch dabei helfen, absurde Diskussionen bezüglich der Verwendung von Begriffen wie Milch oder Wurst für vegetarische und vegane Lebensmittel zu beenden. Solche Diskussionen waren jüngst beispielsweise nach der Verkündigung eines aktuellen EuGH-Urteils zu beobachten. Demnach dürfen die Begriffe Milch und Käse nur für Lebensmittel tierischen Ursprungs verwendet werden. In diesem Zusammenhang war die Forderung aufgekommen, Begriffe wie Wurst ebenfalls für Lebensmittel tierischer Herkunft zu reservieren.

b) Welche Maßnahmen plant Ihre Partei, um das Thema auf europäische Ebene voranzubringen und die EU-Kommission dazu zu bewege, ihrer Pflicht nachzukommen?

Der Bund muss auf der Basis der von den Verbraucherschutzministern der Länder am 22. April 2016 beschlossenen Definitionen für vegetarische und vegane Lebensmittel seine Anstrengungen bei der Europäischen Kommission verstärken und auf den Erlass eines Durchführungsrechtsaktes gemäß Artikel 36 Absatz 3 der Verordnung (EU) Nr. 1169/2011 über freiwillig bereitgestellte Informationen für die Verbraucher/innen über Lebensmittel hinwirken, der die Definitionen ,,vegan" und ,,vegetarisch" berücksichtigt. 

4. Kennzeichnungspflicht tierischer Zutaten: Verbraucher können sich nicht auf die Zutatenliste von Lebensmitteln verlassen, da nicht alle verwendeten oder enthaltenen Stoffe derzeit gekennzeichnet werden müssen. Wird sich Ihre Partei angesichts dieser Problematik, die viele Menschen in ihrem Alltag betrifft, für eine Kennzeichnungspflicht tierischer Zutaten (inklusive Aromen, Zusatz- und Verarbeitungshilfsstoffe), beispielsweise im Rahmen der Zutatenliste von Lebensmitteln einsetzen?

Ja. Wir Freie Demokraten setzen uns dafür ein, dass die Verbraucher der Produktkennzeichnung die für sie wichtigen Informationen transparent und nachvollziehbar entnehmen können. Das darf allerdings nicht dazu führen, dass Zutatenlisten noch unübersichtlicher werden. In diesem Zusammenhang kann eine einheitliche Definition von vegetarisch und vegan auf EU-Ebene dazu beitragen, mehr Klarheit für die Kunden zu schaffen.

5. Benennung von Fleischalternativen: Interessierte Verbraucher, die sich situativ oder grundsätzlich pflanzlich ernähren möchten, greifen auf eine Vielzahl von Alternativprodukten zurück, um ihre Ernährungsgewohnheiten beibehalten zu können. Aus gutem Grund sind daher zum Beispiel vegetarische Fleischalternativen im Handel bei gleichzeitiger Kenntlichmachung der vegetarischen Eigenschaft unter Bezeichnungen zu finden, die herkömmlich für Fleischerzeugnisse verwendet werden. Diese vermitteln dem Verbraucher eine Vielzahl von Informationen über das Produkt. Diese jahrzehntelang bewährte Benennungspraxis wurde zuletzt von einzelnen Akteuren kritisiert, aktuell erarbeitet ein Fachausschuss der Deutschen Lebensmittelbuch-Kommission einen Leitsatz, der die Benennung vegetarischer Fleischalternativen regeln wird. Wird sich Ihre Partei für einen Erhalt der bislang bewährten Benennungspraxis einsetzen?

Ja. Unser Leitbild sind mündige, interessierte und verantwortungsbewusste Verbraucherinnen und Verbraucher. Die Verwendung von Begriffen wie Milch, Käse und Wurst bei gleichzeitigen Kenntlichmachung, dass es sich um vegetarische oder vegane Produkte handelt, ist aus unserer Sicht eindeutig und gibt die für mündige Verbraucherinnen und Verbraucher notwendigen Informationen wider. 

6. Benennung von Milchalternativen: In einzelnen Marktsegmenten verhindern wirtschaftspolitische EU-Verordnungen die Verwendung bestimmter Begriffe. Beispielsweise regelt VO 1308/2013, dass Begriffe wie ,,Milch" und ,,Joghurt" tierischen Produkten vorbehalten sind. Dies widerspricht dem Sprachgebrauch und dem Informationsbedürfnis von Menschen, die aus verschiedenen Gründen Milchalternativen konsumieren. Wird sich Ihre Partei dafür einsetzen, derartige Regelungen zu ändern, um es allen Produktgruppen vegetarischer Alternativen zu ermöglichen, informative und attraktive Bezeichnungen zu tragen?

Ja. Aus unserer Sicht zeigt das aktuelle EuGH-Urteil zu diesem Thema die Absurdität der Regelungen, weil einerseits die Verwendung von Bezeichnungen wie Milch und Joghurt für vegetarische und vegane Produkte verboten wird, andererseits aber Ausnahmen für traditionelle Begriffe (zum Beispiel in englischer und französischer Sprache) zugelassen werden. Aus unserer Sicht müssen auch EU-Verordnungen immer wieder auf den Prüfstand gestellt und über die Notwendigkeit ihres Fortbestands beziehungsweise ihrer Abschaffung diskutiert werden.

Themenbereich Klimaschutz 7. Klimaschutzplan 2050: Aus dem Pariser Klimaschutzabkommen erwächst für Deutschland die Notwendigkeit ambitionierter Klimaschutzmaßnahmen in allen Sektoren. Aktuell beziffern die wissenschaftlichen Beiräte des BMEL die ernährungsbedingten Treibhausgasemissionen auf etwa ein Viertel der gesamten Emissionen Deutschlands. Aus dem Klimaschutzplan 2050, der die langfristige, deutsche Klimaschutzstrategie beschreibt, wurden entscheidende Maßnahmen wie eine gesamtgesellschaftliche Reduzierung des Konsums tierischer Produkte und ein Abbau der Tierbestände allerdings nach anfänglicher Erwähnung in späteren Entwürfen des Plans wieder gestrichen. Wird sich Ihre Partei dafür einsetzen, diese Punkte und das Thema Ernährung allgemein bei der Fortschreibung des Klimaschutzplans 2050 wieder zu berücksichtigen und mit konkreten Maßnahmen zu hinterlegen?

Nein. Die Emissionen aus der Landwirtschaft wurden in den letzten Jahrzehnten durch technischen Fortschritt bereits reduziert. Die Pläne von Umweltministerin Hendricks, die Tierhaltung in Deutschland um die Hälfte zu reduzieren, würde Arbeitsplätze in der Landwirtschaft und im Ernährungs-gewerbe massiv gefährden und entspricht nicht der Realität der Nachfrage nach tierischen Produkten durch die Verbraucherinnen und Verbraucher. Wir Freie Demokraten setzen zur weiteren Reduktion der Emissionen stattdessen auf technischen Fortschritt, dessen Umsetzung auf den landwirtschaftlichen Betrieben durch eine gezielte Agrarinvestitionsförderung vorangebracht werden soll.

Themenbereich Lebensmittelverschwendung 8. Verständnis von Lebensmittelverschwendung erweitern: Aufgrund der ineffizienten Umwandlung von pflanzlichen zu tierischen Lebensmitteln und der damit einhergehenden Ressourcenverluste stellt die Produktion tierischer Lebensmittel eine große Form der Lebensmittelverschwendung dar. Dies wird allerdings beispielsweise im Rahmen der BMEL-Kampagne ,,Zu gut für die Tonne!" nicht ausreichend berücksichtigt. Wird sich Ihre Partei dafür einsetzen, diesen Aspekt in Zukunft bei allen Diskussionen und politischen Maßnahmen zum Thema ,,Lebensmittelverschwendung" zu berücksichtigen?

Nein. Aus unserer Sicht handelt es sich bei der Umwandlung von pflanzlichen zu tierischen Lebensmittel nicht um Lebensmittelverschwendung. Die Endverbraucherinnen und -verbraucher sind (je nach Studie zu einem unterschiedlichen Anteil) die größten Verursacher von Lebensmittelverschwendung. Um Lebensmittelverschwendung effektiv zu bekämpfen, müsste sie also vor allem bei den Konsumenten reduziert werden. Staatliche Aufklärungskampagnen können ihren Teil dazu beitragen. Letztendlich kann den einzelnen Verbraucherinnen und Verbrauchern die Eigenverantwortung in diesem Bereich aber nicht abgenommen werden. 

Themenbereich Gemeinschaftsverpflegung 9. Vegetarisches Essen auf Veranstaltungen: Der Staat kann und sollte wo möglich seine Vorbildfunktion nutzen. Seit Anfang des Jahres serviert das BUMB bei eigenen Veranstaltungen vegetarische Speisen, um so in puncto Klima- und Umweltauswirkungen mit gutem Beispiel voranzugehen. Wird sich Ihre Partei dafür einsetzen, diese Maßnahmen auch auf Veranstaltungen anderer Ministerien und des Bundestages auszuweiten?

Nein. Für uns Freie Demokraten gibt es auch in Bezug auf Ernährung keine Dogmen, Gebote und Verbote. Unsere heimische Landwirtschaft und das Ernährungsgewerbe versorgen uns heute mit einer breiten Vielfalt an Lebensmitteln, die so gesund sind wie nie zuvor. Essen ist ein Stück Kultur und beim Essen spielt auch Lebensfreude eine wesentliche Rolle.

10. Veganes Angebot in öffentlichen Kantinen: Seit März 2017 sind in Portugal alle öffentlichen Kantinen gesetzlich dazu verpflichtet, auch vegane Speisen anzubieten. Diese von immer mehr Verbrauchern gewünschte Menü-Option erlaubt es Anhängern einer Vielzahl von unterschiedlichen Ernährungsweisen, das Kantinenangebot öffentlicher Einrichtungen wahrzunehmen. Gleichzeitig können durch die verbesserte Verfügbarkeit Anreize geschaffen werden, sich gelegentlich oder regelmäßig für pflanzliche Menüs zu entscheiden, was unter anderem auch aus gesundheitlichen Gründen angezeigt ist. Wird sich Ihre Partei für ein ständiges veganes Angebot in öffentlichen Kantinen einsetzen?

Nein. Öffentliche wie private Kantinen müssen die Möglichkeit haben, in Eigenverantwortung ein Angebot bereitzustellen, das den Bedürfnissen der Kunden entspricht. Hier sollte sich die Politik nicht durch Ge- und Verbote einmischen.

Themenbereich Besteuerung und fiskalische Instrumente 11. Mehrwertsteuer auf vegetarische Milchalternativen Aktuell wird auf tierische Milch der ermäßigte Mehrwertsteuersatz von 7 Prozent erhoben. Pflanzliche Alternativen (Soja-, Reis-, Hafermilch etc.), die eine bessere Umweltbilanz als tierische Milch aufweisen, werden hingegen mit 19 Prozent besteuert. Wird sich Ihre Partei dafür einsetzen, dass pflanzliche, umweltschonende Alternativen zukünftig mit dem ermäßigten Mehrwertsteuersatz von 7 Prozent besteuert werden?

Die Anwendung des normalen beziehungsweise ermäßigten Mehrwertsteuersatz auf verschiedene Nahrungsmittel ist hier wie auch in vielen anderen Fällen nicht wirklich nachvollziehbar. Deswegen muss allgemein über eine Vereinfachung dieses Systems nachgedacht werden, das dann für die Verbraucherinnen und Verbraucher auch verständlicher sein sollte.

12. Mehrwertsteuer auf tierische Produkte: Aktuell werden tierische Lebensmittel in Deutschland trotz ihrer Umweltschädlichkeit laut Deutscher Gesellschaft für Ernährung (DGE) zu hohen Pro-Kopf-Konsums mit dem ermäßigten Mehrwertsteuersatz von 7 Prozent besteuert und somit indirekt subventioniert. Sowohl das Umweltbundesamt (UBA) als auch die wissenschaftlichen Beiräte des BMEL plädierten jüngst für eine Abschaffung dieses Privilegs. Wird sich Ihre Partei für eine Angleichung der Mehrwertsteuer für tierische Produkte auf 19 Prozent einsetzen?

Nein. Eine Anhebung des Mehrwertsteuersatzes für tierische Produkte auf 19 Prozent würde wiederum zu nicht nachvollziehbaren Unterschieden in der Mehrwertsteuergestaltung führen. Würde auf Milch der normale Satz bon 19 Prozent und auf vegetarische oder vegane Alternativen der ermäßigte Satz von sieben Prozent angewendet, wäre das genauso unverständlich wie anders herum. Wir Freie Demokraten lehnen jedwede Diskriminierung ab, egal in welche Richtung.

13. Fiskalische Instrumente: Es existieren weitere mögliche fiskalische Maßnahmen, um das Produktions- und Konsumniveau tierischer Produkte in Deutschland zu senken, beispielsweise eine Stickstoffüberschussabgabe. a) Wird sich Ihre Partei für fiskalische Instrumente einsetzen? b) Wenn ja, für welche?

Nein. Die politische Steuerung des Konsums lehnen wir ab.

Themenbereich Exporte und Subventionen 14. Exportorientierung Deutschland und die Europäische Union exportieren große Mengen tierischer Produkte in Drittstaaten. Überproduktion und Exporte werden durch hohe Agrarsubventionen ermöglicht und befördert, zugleich ist eine noch stärker Exportorientierung erklärte Politik des BMEL und des EU-Agrarkommissars Phil Hogan. Wird sich Ihre Partei für eine Abkehr von Exportorientierung einsetzen?

Nein. Zunächst ist es falsch, dass Deutschland große Mengen tierischer Produkte in Drittstaaten exportiert. Fast 80 Prozent der Exporte der deutschen Ernährungswirtschaft gehen in die EU. Nur 1,6 Prozent gehen beispielsweise nach Afrika, wo sich vor allem relativ wohlhabende Länder wie Südafrika, Marokko und Ägypten deutsche Nahrungsmittel leisten. Bei den gesamten Nahrungsmittelexporten handelt es sich bei nur etwa einem Drittel um Produkte, die den Warengruppen Fleisch, Milch, Fisch sowie verarbeitete Lebensmittel aus diesen Kategorien zuzurechnen sind. Außerdem entspricht es nicht den Tatsachen, dass Überproduktion und Exporte durch hohe Agrarsubventionen ermöglicht werden. Die Agrarsubventionen der EU werden flächengebunden und produktionsunabhängig gezahlt und beeinflussen die Märkte sowie die auf ihnen gehandelten Menschen deshalb nicht. Darüber hinaus wird in der EU, und damit auch in Deutschland, die Ausfuhr von Agrarprodukten seit 2013 nicht mehr gestützt. Aus diesen Gründen muss es der deutschen Ernährungswirtschaft weiter ermöglicht werden, ihre qualitativ hochwertigen Produkte aus eigener Kraft auf den Weltmärkten abzusetzen, wenn es eine entsprechende Nachfrage dafür gibt.

15. GAP-Reform: Die industrielle Tierhaltung und die vor- und nachgelagerten Bereiche profitieren massiv von der europäischen Agrarpolitik in Form von Direktzahlungen aus der sogenannten ersten Säule der Gemeinsamen Agrarpolitik. Gleichzeitig wünscht eine klare Mehrheit der Verbraucher neue Prioritäten für die EU-Agrarpolitik mit einem stärkeren Fokus auf Tierschutz, Umwelt- und Klimaschutz. Diese Themen sollen nach dem Willen der Steuerzahler Vorrang bei der Vergabe der aktuell rund 58 Milliarden Euro an jährlichen Subventionen erhalten. Wird sich Ihre Partei für eine stärkere Priorisierung dieser Themen, beispielsweise in Form einer verstärkten Umschichtung der Zahlungen in die sogenannte zweite Säule, einsetzen?

Nein. Die Tierhaltung sowie die vor- und nachgelagerten Bereiche profitieren nicht von den Direktzahlungen aus der ersten Säule der Gemeinsamen Agrarpolitik. Vielmehr handelt es sich bei den Direktzahlungen um flächengebundene produktionsabhängige Zahlungen, die insofern mit der Entscheidung eines landwirtschaftlichen Betriebes, in der Tierhaltung tätig zu sein, aus wirtschaftlicher Sicht nichts zu tun haben. Bei den Mitteln, die sich schon in der zweiten Säule befinden, setzen wir Freie Demokraten auf eine gezielte Agrarinvestitionsförderung, die echte Verbesserungen bezüglich eines umweltschonenden Pflanzenbaus sowie einer tiergerechten Haltung von Nutztieren bewirkt. 

Themenbereich Tierschutz 16. Kennzeichnung aller Haltungsformen: In Umfragen spricht sich regelmäßig ein großer Teil der Verbraucher für tierische Produkte aus, die aus ,,artgerechter Haltung" stammen, gleichzeitig stellte Bundesminister Christian Schmidt jüngst die Eckdaten seines Tierwohl-Labels vor. Aktuell ist für die Verbraucherschaft anhand der auf der Lebensmittelverpackung dargebotenen Informationen kaum ein Rückschluss auf die Lebensbedingungen des Tieres möglich. Um tatsächlich ein Mehr an Transparenz zu schaffen, wäre eine Haltungskennzeichnung sinnvoll, die (analog zur Eierkennzeichnung) alle Produkte und Haltungsformen einschließt, also nicht nur eine Positiv-Kennzeichnung umfasst. a) Wird sich Ihre Partei für eine derartige Kennzeichnung für Fleisch und Fleischprodukte einsetzen? b) Wird sich Ihre Partei für eine solche Kennzeichnung für Milch und Milchprodukte einsetzen?c) Wird sich Ihre Partei für eine solche Kennzeichnung für Produkte, die verarbeitete Eier enthalten, einsetzen?

Nein. Eine verpflichtende Kennzeichnung aller Fleisch- und Milchprodukte verlangt die vollständige Einteilung aller landwirtschaftlichen Betriebe in verschiedene Kategorien. Haltungssysteme in der Rinder- und Schweinehaltung sind aber erheblich vielfältiger als in der stärker standardisierten Eierproduktion. Darüber hinaus ist eine Gleichsetzung von Ökobetrieben und höchstem Tierschutzniveau (Kategorie 0) zwar pragmatisch, aber aufgrund fehlender tierbezogener Indikatoren in der Ökoverordnung fachlich nur schwer vertretbar. Eine nur auf Deutschland bezogene Regelung wäre angesichts der starken EU-Importanteile bei Fleisch und Milch nicht realisierbar. Innerhalb der EU ist es aber sehr fraglich, ob für einen solchen Vorstoß Mehrheiten organisierbar wären. Das gleiche gilt für die Kennzeichnung verarbeiteter Eier. Die Widerstände sind bereits gegen ein fakultatives EU-Tierschutzlabel beachtlich. Im Hinblick auf EU-Importe aus Nicht-Mitgliedsstaaten muss der Rechtsrahmen der Welthandelsorganisation (WTO) beachtet werden. Ein für alle Betriebe obligatorisches staatliches Haltungslabel ist WTO-rechtlich wohl nicht zulässig, da es eine nicht-tarifäre Einfuhrbarriere darstellen könnte.

17. Tierschutzverbandsklage: Im Jahr 2002 wurden Tier- und Umweltschutz mit dem Artikel 20a in das Grundgesetz aufgenommen. Nichtsdestotrotz gibt es, 15 Jahre nach der Einführung, bislang keine einheitliche Lösung zur Frage der Verbandsklage im Bereich des Tierschutzes. Bisher haben einzelne Bundesländer eine Tierschutzverbandsklage eingeführt. Eine Klagewelle oder unverhältnismäßige Klagen, die Gegner einer solchen Verbandsklage als Argumente ins Feld führen, sind bislang nicht zu beobachten. Vielmehr ist festzustellen, dass Tierschutzverbände verantwortungsvoll mit Ihrem Klagerecht umzugehen wissen. a) Wird sich Ihre Partei daher nach der Bundestagswahl für eine bundesweite Regelung zur Tierschutzverbandsklage für entsprechend akkreditierte Tierschutzorganisationen einsetzen? b) Welche Form der Verbandsklage streben Sie an?

Nein. Für die Gestaltung und Durchsetzung des Tierschutzrechts ist laut Artikel 20a des Grundgesetzes der Staat verantwortlich. Ein Verbandsklagerecht für Tierschutzorganisationen liefe indessen auf eine Teilprivatisierung des Staatsziels Tierschutz hinaus, würde die Veterinärverwaltung erheblich zusätzlich beanspruchen und ist daher abzulehnen. Stattdessen setzen wir auf eine starke, gut ausgestattete und handlungsfähige Veterinärverwaltung in den Ländern.

18. Kameras in Schlachthöfen Regelmäßig in den Medien aufgegriffene Skandale dokumentieren eine unzureichende Einhaltung von Tierschutzstandards in Schlachthöfen. Aufgrund der gewaltigen Schlachtzahlen (in Deutschland rund 750 Millionen im Jahr 2016) stellen selbst Verstöße bei einem geringen Prozentsatz der geschlachteten Tiere ein schwerwiegendes Problem dar. Eine kontinuierliche Kameraüberwachung in Schlachthöfen, wie sie beispielsweise in Israel praktiziert wird, könnte dazu beitragen, diese Missstände anzugehen. Wird Ihre Partei sich für eine Kameraüberwachung in Schlachthöfen einsetzen?

Nein. Wir Freie Demokraten wollen keine lückenlose Überwachung unbescholtener Bürgerinnen und Bürger. Das ist für uns ein unangemessener Eingriff in die Grundrechte des Menschen. Das gilt für Fragen der inneren Sicherheit ebenso wie für die Aufklärung und Verfolgung sonstiger Gesetzesverstöße. Beides rechtfertigt eine lückenlose Überwachung nicht. Stattdessen setzen wir auf eine starke, gut ausgestattete und handlungsfähige Veterinärverwaltung vor Ort.

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