Wahlprüfsteine von "Deutsche Gesellschaft Juniorprofessur e.V. (DGJ)"

Fragen:

1. Wie beurteilen Sie die Leistungsfähigkeit und Attraktivität des Wissenschaftsstandorts Deutschland im internationalen Vergleich?

Deutschland fällt als Wissenschaftsstandort im internationalen Vergleich derzeit zurück. Die Ausgaben für die Wissenschaft stagnieren seit Jahren. Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler müssen einen großen Teil ihrer Arbeitszeit für Verwaltung aufwenden. Ideologische Vorbehalte schränken die Innovationskraft der Wissenschaft in Deutschland ein. Wir Freie Demokraten sehen Bildung und Forschung als Mondfahrtprojekt. Es ist eine gesamtstaatliche Aufgabe, die deutschen Hochschulen zurück an die Weltspitze zu bringen.

2. Welche Initiativen sehen Sie vor, um die Leistungsfähigkeit und Attraktivität zu steigern?

Wir Freie Demokraten fordern, dass Bund und Länder gemeinsam die deutsche Hochschullandschaft modernisieren und deren Potentiale freisetzen. Dafür braucht es erstens eine weit bessere Finanzierung unserer Hochschulen in der Forschung und in der Lehre. Der Bund soll die Hochschulen bei der Sanierung der Gebäude, bei der Digitalisierung und bei der Bewältigung steigender Studierendenzahlen unterstützen. Die Grundfinanzierung soll im Sinne eines Systems "Geld folgt den Studierenden" zudem stärker leistungsorientiert gestaltet sein. Zweitens brauchen die Hochschulen größere Freiheiten, beispielsweise bei der Setzung von Schwerpunkten in Forschung und Lehre sowie bei der Einstellung von Personal einschließlich der Professoren. Drittens wollen wir eine Gründerkultur an den Hochschulen etablieren, die mehr Start-ups hervorbringt, die Wissenschaft und Praxis verzahnen und langfristig die Hochschulen stärken.

3. Welche Maßnahmen schlagen Sie vor, um nachhaltigere Personalstrategien in Universitäten zu etablieren?

Wir Freie Demokraten wollen die Hochschulen mit mehr Mitteln ausstatten, damit sie ihre Mitarbeiter länger beschäftigen können. Für die wissenschaftliche Karriere wollen wir Tenure-Track-Positionen stärken. Die Vereinbarung von Familie und Beruf durch Kinderbetreuung, Elternzeiten und Dual-Career-Optionen stärkt die Bindung der Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler an ihre Hochschule. Gleichzeitig brauchen Hochschulen mehr Freiheiten bei der Auswahl des Personals, um langfristige Ziele in der Ausrichtung der Hochschule erreichen zu können.

4. Durch das Bund-Länder-Programm sollen 1.000 neue Tenure-Track- Professuren dauerhaft etabliert werden. Ist diese Zahl aus Ihrer Sicht gerechtfertigt bzw. reicht sie aus?

Die Bund-Länder-Kommission hat nicht ohne Grund die kleinstmögliche vierstellige Zahl an Tenure-Track-Professuren gewählt: Es ging mehr um Effekthascherei als um ein grundlegendes Angehen der Probleme der deutschen Nachwuchswissenschaftlerinnen und - wissenschaftler. Die Universitäten müssen finanziell in die Lage versetzt werden, Tenure-Track-Professuren als Regelfall der Qualifizierung anbieten zu können.

5. Welchen Stellenwert sollte die Habilitation in Zukunft in Deutschland haben?

Die Bewertung wissenschaftlicher Leistungen und die Setzung der Bedingungen für die Berufungen auf Lehrstühle sind unserer Ansicht nach Rechte der Hochschulen, nicht der Politik. Auch wenn wir das Tenure-Track-Verfahren unterstützen, so betrachten wir die klassische Habilitation als Alternative dazu - insbesondere bei externen Habilitationen - als erhaltenswert. Wer jedoch eine Juniorprofessur innehatte oder anderweitig ausreichend wissenschaftliche Leistungen hervorgebracht hat, dem sollte zusätzlich keine Habilitation abverlangt werden.

6. Inwieweit sollte es in Zukunft noch befristete Juniorprofessorinnen und -professoren (bzw. vergleichbare Positionen nach der Promotion) ohne Tenure-Track in Deutschland geben?

Wir Freie Demokraten wollen das Tenure-Track-Verfahren in Deutschland ausbauen. Anders als die Juniorprofessur ohne Tenure-Track bieten sie Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern eine größere Planungssicherheit für die Laufbahn, ohne jedoch die Leistungsanreize zu streichen. Dies lässt sich im Rahmen von Juniorprofessuren mit Tenure-Track oder in den Positionen von Assistant und Associate Professor erreichen. Bei der konkreten Ausgestaltung wollen wir den Universitäten einen möglichst großen Spielraum lassen.

7. Mit Habilitation, Junior- und Qualifikationsprofessuren, Nachwuchsgruppenleitungen und weiteren Stellenkategorien sowie länderspezifischen Gestaltungsformen gibt es eine wachsende Heterogenität wissenschaftlicher Karrierepfade. Sehen Sie dies als Gefahr oder als Chance?

Wir Freie Demokraten sehen in der Vielfalt der wissenschaftlichen Karrierepfade grundsätzlich einen Gewinn. Die verschiedenen Wege ermöglichen es jungen Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern, denjenigen Weg auszuwählen, der am besten zu ihren Neigungen, Fähigkeiten und Zielen passt. Die verschiedenen Karrierepfade müssen jedoch fair aufeinander abgestimmt sein. Wer eine Juniorprofessur innehat, dem sollte keine Habilitation abverlangt werden. Wer eine Nachwuchsgruppe leitet, bei dem sollte die Erfahrung in der Leitung im Lebenslauf angerechnet werden, sie darf nicht zum Nachteil werden. Vor allem müssen die Hochschulen klar angeben, welche Qualifikationen sie schwerpunktmäßig bei den Bewerbungen für Lehrstühle erwarten.

8. Wie lässt es sich aus Ihrer Sicht erreichen, familienfreundlichere Rahmenbedingungen für Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler zu schaffen?

Wir wollen erreichen, dass eine akademische Beschäftigung mit den spezifischen Herausforderungen einer Familie besser vereinbart werden kann. Dazu müssen unter anderem mehr Plätze für Kinderbetreuung auch an Hochschulen geschaffen werden. Forscherinnen und Forscher mit Kindern wollen wir darin unterstützen, die Lehrverpflichtungen reduzieren und den Arbeitsschwerpunkt für einen gewissen Zeitraum auf die Forschung legen zu können. Auf diese Art können auch Eltern ihre wissenschaftliche Karriere weiter voranbringen. Die Hochschulen wollen wir außerdem dabei unterstützen, Doppelkarrieren für Top-Forscherinnen und -forscher sowie deren Lebenspartner an oder im Umfeld der Hochschule zu ermöglichen.

9. Welche Maßnahmen schlagen Sie vor, um das zahlenmäßige Verhältnis von Studierenden zu Professorinnen und Professoren nachhaltig und deutlich zu verbessern?

Wir setzen uns für eine Absicherung des finanziellen Grundbedarfs der Hochschulen ein, die den Wettbewerb um Studierende anregt. Bildungsgutscheine machen die staatliche Berechnung der Ausbildungskapazität sowie die staatliche Festsetzung von Zulassungszahlen überflüssig. Wenn die Hochschulen für jeden aufgenommenen Studierenden einen Betrag in einer Höhe erhalten, die den Kosten des Studiengangs gerecht wird, dann werden sie so viele Studierende aufnehmen, wie es ihre Kapazitäten erlauben und diese im Erfolgsfall auch ausbauen. Ausreichende Bewerberzahlen, um geeignete Studierende auszuwählen, werden sie nur erreichen, wenn die Qualität des Studienangebots gut ist. Nur bei richtiger Abwägung zwischen Quantität und Qualität wird der Erfolg einer Hochschule nachhaltig sein. Die Qualität des Studiums sollte nicht von der Finanzkraft des Sitzlandes der Hochschule abhängig sein. Um für gute Studienbedingungen zu sorgen, wollen wir einen bundesweiten Fonds errichten. In diesen Fonds zahlt jedes Land nach dem sogenannten Königsteiner Schlüssel ein. Das heißt, der Beitrag eines Landes errechnet sich anteilig aus dem Steueraufkommen und der Bevölkerungszahl. Für jeden eingeschriebenen Studierenden erhält die Hochschule einen Beitrag aus dem Fonds. Das Geld folgt also den Studierenden. So erreichen wir einen fairen Qualitätswettbewerb um Studierende in ganz Deutschland.

10. Wie kann aus Ihrer Sicht das Problem der Unterfinanzierung deutscher Universitäten gelöst werden?

Wir Freie Demokraten wollen die Ausgaben für Bildung so erhöhen, dass – gemessen am Staatshaushalt – Deutschland zu den führenden fünf Ländern der 35 Staaten der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) zählt. Die umfassende Modernisierung des Bildungssystems würde Länder und Kommunen allein überfordern. Die Finanzierung muss daher eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe werden. Wir wollen das System "Geld folgt Studierenden" einführen. Die Bundesländer zahlen gemäß dem Königssteiner Schlüssel in einen gemeinsamen Fonds ein, aus dem die Bildungsgutscheine für die Studierenden finanziert werden. Die Studierenden bestimmen somit über ihre Hochschulwahl mit über die Finanzierung der Hochschulen. Weitere Ausführungen dazu finden sich in der Antwort auf Frage 9.

Um Wissen und Fortschritt generieren zu können, müssen Hochschulen gerade auch mit anderen Akteuren außerhalb der Hochschule zusammenarbeiten und insbesondere zusammen forschen dürfen. Die oftmals artikulierte pauschale Forderung nach strikter Trennung von Wirtschaft und Hochschule verneint diese Tatsache und wird von uns Freien Demokraten abgelehnt. Wir wollen eine technologieoffene steuerliche Forschungsförderung einführen. Dadurch sollen die Unternehmen in Deutschland einen bestimmten Prozentsatz ihrer Personalaufwendungen für Forschung und Entwicklung (FuE) als Steuergutschrift (Forschungsprämie) erhalten. Forschung und Innovationen werden also indirekt über das Steuersystem gefördert. Bestehende Förderinstrumente, wie die Projektförderung mit direkten Mitteln, reichen hier nicht aus. Sie sind vor allem für kleine und mittlere Unternehmen wegen der vielen Auflagen und übermäßigen Bürokratie zu unattraktiv. Die steuerliche Forschungsförderung ist dagegen unbürokratisch, da Projektanträge und Genehmigungsverfahren entfallen.

11. Wie stehen Sie zu den deutlichen Finanzierungsunterschieden zwischen Universitäten und außeruniversitären Forschungseinrichtungen?

Universitäten und außeruniversitäre Forschungseinrichtungen sind zwei starke Säulen in der deutschen Forschungslandschaft. Über die vergangenen Jahre sind die Forschungsmittel an den Universitäten nicht so stark gestiegen wie an den außeruniversitären Einrichtungen. Hinzu kommt, dass die Hochschulen vor spezifischen Herausforderungen stehen: die Zunahme der Studierendenzahlen, der Sanierungsstau bei den Gebäuden und die notwendigen Investitionen in die Digitalisierung. Wir Freie Demokraten wollen, dass der Bund die Hochschulen bei diesen Herausforderungen finanziell unterstützt. Dadurch werden Mittel für die Forschung frei. Darüber hinaus muss die Grundfinanzierung der Hochschulen deutlich erhöht werden. Im Rahmen der Forschungsförderung des Bundes müssen Overheadkosten in größerem Maße eingeplant werden als bislang. Dadurch können Forschungsmittel tatsächlich für die Forschung eingesetzt werden und mehr Projekte eingeworben werden.

12. Sollte es weiterhin Programme zur Förderung von Exzellenzuniversitäten geben? Falls ja, sehen Sie Änderungsbedarf im Vergleich zu der bisherigen Ausgestaltung?

Die Exzellenzinitiative hat ihr Ziel erreicht, der deutschen Forschungslandschaft durch Wettbewerb eine neue Dynamik zu verleihen. Wir Freie Demokraten wollen die drei Förderlinien Graduiertenschulen, Exzellenzcluster und Zukunftskonzepte verlässlich fortsetzen und um eine Förderlinie Lehre ergänzen. Nur so wird Deutschland im internationalen Wettbewerb um die besten Köpfe dauerhaft bestehen können. Allerdings zeichnet sich am Ende der zweiten Runde der Exzellenziniative ab, dass die Universitäten die durch die Exzellenziniative aufgebauten Stukturen nur sehr bedingt nachhaltig fortführen können. Wir Freien Demokraten wollen daher den Hochschulen mehr Freiheiten einräumen, sich intern zu organisieren und eigene Profile in Forschung und Lehre zu schärfen. Hochschulen müssen die Möglichkeit haben, ihre Schwerpunkte schneller anzupassen, um die während der Exzellenzinitiave aufgebaute Kompetenz zu erhalten. Dazu gehören neue Wege in der Förderung des wissenschaftlichen Mittelbaus, beispielsweise mit Tenure-Track-Positionen. Ein wichtiger Bestandteil ist auch die volle Personalhoheit der Hochschulen. Wir wollen die Exzellenziniative zudem um eine Exzellenzinitiave in der Lehre ergänzen, die Erfolge von Hochschulen als Studienerfolgen anregt, unterstützt und prämiert. Unbenommen von der Exzellenzinitiative muss gelten, dass Hochschulen aus ihrer Grundförderung heraus in die Lage versetzt werden müssen, Spitzenleistungen im Weltmaßstab zu erreichen.

13. Wie beurteilen Sie Personen- gegenüber Programmförderungen?

Wir Freie Demokraten setzen uns dafür ein, dass die Personenförderung eine starke Stellung in der deutschen Forschungsförderung behält. Während Programmförderungen neue Schwerpunkte hervorbringen können, so ist es die Personenförderung, die die Vielfalt im Wissenschaftssystem sichert. Programmförderungen können aufgrund ihres fokussierten Ansatzes nicht alle Forschungsinteressen in Deutschland abbilden. Als Freie Demokraten sind wir überzeugt, dass die einzelnen Forscherinnen und Forscher in der Summe die Chancen - gerade auch in vermeintlichen Nischen - kennen. Für uns ist die Personenförderung unverzichtbar, wenn wir Deutschlands Innovationskraft stärken wollen.

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