THESIS e.V.

Der Frauenanteil nimmt in der Wissenschaft mit fortschreitender Karrierestufe ab, obwohl bei Promovierenden das Verhältnis relativ ausgeglichen ist. Wie möchten Sie hier zu einem ausgeglicheneren Verhältnis kommen? https://www.mpg.de/14964609/annual-report-2019.pdf

Leider ist der Anteil von Frauen insbesondere in Führungspositionen und vor allem in MINT-Fächern nach wie vor deutlich zu gering. Wir Freie Demokraten möchten bessere Rahmenbedingungen an Hochschulen für Wissenschaftskarrieren schaffen. Dabei ist uns auch die Vereinbarkeit von Familie und Beruf ein zentrales Anliegen – zum Beispiel durch eine bessere Kinderbetreuung an Hochschulen und die Möglichkeit für Väter und Mütter, ihre Lehrverpflichtungen beziehungsweise Forschungszeiten selbstbestimmter festzulegen. Arbeitsmodelle wie geteilte Führung („Jobsharing“ und „Topsharing“) müssen selbstverständlich werden. Außerdem treten wir dafür ein, dass sich Arbeitgeberinnen und Arbeitgeber besser vergegenwärtigen müssen, bei gleichen Funktionen genauso viele weibliche wie männliche Angestellte für Weiterbildungen zu berücksichtigen. Transparenz der Maßnahmen für mehr Diversität und Talentmanagement in Gleichstellungsberichten erhöht den öffentlichen Druck hin zu einem Kulturwandel in Unternehmen, Wissenschaft und Verwaltung. Des Weiteren setzen wir uns für eine Untersuchung zur Situation von Frauen in der deutschen Wissenschaft ein – nach dem Vorbild des MIT (Massachusetts-Institut für Technologie) Ende der 1990er Jahre.

Auch im internationalen Vergleich gibt es in Deutschland sehr wenige Frauen, die eine Professur (besonders in der Besoldungsgruppe W3) oder vergleichbare Stelle erreichen. Wie möchten Sie hier zu internationalen Standards aufschließen?

Siehe Frage 1.

Welche zusätzlichen Ansatzpunkte sehen Sie zur Steigerung der Diversität über das Geschlecht hinaus?

Diversität hat viele Dimensionen. Neben dem Geschlecht erleben viele Menschen beispielsweise auch ihren Migrationshintergrund, ihre soziale Herkunft, eine Behinderung oder ein weniger akademisch geprägtes Umfeld als Hürde für eine wissenschaftliche Karriere. Es gibt einige außeruniversitäre Forschungsorganisationen, die es immer noch vorziehen, die Ausgleichsabgabe zu zahlen, anstatt fünf Prozent der Arbeitsplätze mit Menschen mit Behinderungen zu besetzen. Wir Freie Demokraten wollen das ändern und in der Wissenschaft für mehr Diversität sorgen, denn Forschung lebt auch vom Perspektivwechsel.

Gemeinsam mit den Begabtenförderungswerken wollen wir eine Strategie erarbeiten, wie die Stipendien für mehr Bildungsaufsteiger geöffnet werden können. Von einer gezielten Bewerberansprache bis zur Sensibilisierung der Auswahlkommittees gibt es heute schon Best Practices, die auf andere Förderungswerke übertragen werden können (vgl. BT-Drs.-19/28439).

Wie wollen Sie Promovierende aus Familien ohne akademischen Hintergrund besser fördern? http://www.researchgate.net/publication/333163357, https://www.tagesspiegel.de/wissen/position-bei-chanchengerechtigkeit-unterschlaegt-der-bund-einiges/26952632.html

Wir Freie Demokraten setzen uns dafür ein, Initiativen in Form von Aufstiegspatenschaften einzubinden, um Jugendlichen aus bildungsfernen Elternhäusern zu helfen, den eigenen Weg zu beruflichen Bildungsabschlüssen oder an die Hochschule zu gehen. Durch die Beratung und Unterstützung für die eigenen Lebens- auf Aufstiegspläne kann vor allem Jugendlichen aus nichtakademischen Elternhäusern der Weg an die Hochschule geebnet werden.

In der Wissenschaft wird eine hohe Flexibilität und Mobilität gefordert, was sich mitunter schwer mit dem Familienleben sowie mit einer Behinderung oder chronischen Erkrankung vereinbaren lässt. Was wird Ihre Partei für die Vereinbarkeit von Familie und Beruf sowie die Einschränkung durch eine Krankheit in der Wissenschaft tun?

Wir Freie Demokraten möchten bessere Rahmenbedingungen an Hochschulen für Wissenschaftskarrieren schaffen. Dabei ist uns auch die Vereinbarkeit von Familie und Beruf ein zentrales Anliegen – zum Beispiel durch eine bessere Kinderbetreuung an Hochschulen und die Möglichkeit für Väter und Mütter, ihre Lehrverpflichtungen beziehungsweise Forschungszeiten selbstbestimmter festzulegen.

Das Wissenschaftszeitvertragsgesetz wollen wir reformieren. Denn ein zu hoher Anteil befristeter Stellen in der Wissenschaft belastet insbesondere junge Forscherinnen und Forscher. Parallel sollte eine Expertenkommission ausgehend vom Zielkonflikt zwischen planbaren Karrieren, Generationengerechtigkeit sowie der notwendigen Flexibilität der Wissenschaftseinrichtungen praktikable Lösungen entwickeln. Wir wollen Promotionen von Beginn an über ihre gesamte erwartbare Laufzeit absichern, Vertragslaufzeiten an Projektlaufzeiten knüpfen und partnerschaftliche Initiativen für cross-sektorale Personalentwicklung in Wissenschaft, Wirtschaft und Verwaltung unterstützen. Modelle wie die Tenure-Track-Professuren sollen ausgebaut werden. Länder und Hochschulen sind gefordert, die inzwischen langfristigere Finanzierungsperspektive des Bundes zu nutzen, um verlässliche Arbeitsplätze zu schaffen.

Wir Freie Demokraten wollen Menschen mit Behinderungen auch bei Prüfungen einen gleichberechtigten Zugang zu Bildung garantieren. Für Menschen mit Behinderungen sollten Prüfungs-oder Examenssituationen ohne besondere Erschwernis und grundsätzlich ohne fremde Hilfe zugänglich sein. Persönliche Gespräche zur Klärung der offenen Fragen zwischen Prüfling und Prüfungsamt sollten obligatorisch sein. Zusätzliche Barrieren, wie eine selbst zu organisierende und selbst zu finanzierende Diktierkraft für sehbehinderte Prüflinge sind zu vermeiden. Der Einsatz von Assistenten in Prüfungssituationen darf umgekehrt nicht als Vorteil gegenüber nicht behinderten Prüflingen eingestuft werden. Damit sorgen wir für Chancengerechtigkeit.

Emotionales, psychologisches und soziales Wohlbefinden sind essentiell für eine erfolgreiche Promotion. Welchen Handlungsbedarf sehen Sie im Bereich „mental health” im Wissenschaftsbetrieb? https://www.ssoar.info/ssoar/bitstream/handle/document/69403/ssoar-2020-beadle_et_al-Being_a_Doctoral_Research

Psychische Gesundheit muss endlich genauso ernst genommen werden wie körperliche Gesundheit. Die soziale Isolation im Lockdown hat viele Studierende, Lehrende und Forschende sehr belastet. Beratungsangebote zu psychischer Gesundheit wollen wir stärken. Auch verlässlichere Karrierewege und Arbeitsbedingungen in der Wissenschaft können zur psychischen Gesundheit beitragen. Die teilweise praktizierte Befristung von Arbeitsverträgen auf ein oder zwei Semester und die daraus resultierende Suche nach einer Anschlussfinanzierung rauben Zeit für die wissenschaftliche Arbeit und setzen junge Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler psychisch unter Druck. So verlassen viele junge Talente die Wissenschaft aus Gründen, die nichts mit ihrer Qualifikation zu tun haben. Das wollen wir ändern und das Wissenschaftszeitvertragsgesetz reformieren.

 

Wie positioniert sich die Partei zum Thema Inklusion in der Wissenschaft (Promotion)?

Wir wollen die Barrierefreiheit an Hochschulen stärken und Beratungsangebote zur psychischen Gesundheit ausbauen. Öffentlich geförderte Forschungseinrichtungen haben eine besondere Vorbildfunktion, mehr Menschen mit Behinderung eine Beschäftigung zu bieten. Für Menschen mit Behinderungen wollen wir grundsätzlich eine bessere Beratung und Arbeitsvermittlung. Die Vorbereitung muss bereits in der Schule beginnen. Wir wollen die praxistauglichere Ausgestaltung des Budgets für Arbeit und eine praxisnahe aktive Arbeitsvermittlung und Begleitung. Die Chancen der Beschäftigten einer Werkstatt für Menschen mit Behinderungen auf eine reguläre Beschäftigung wollen wir verbessern und ihre Integration in den ersten Arbeitsmarkt fördern.

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