Jan-Christoph Oetjen (LV Niedersachsen), Helmer Krane (LV Schleswig-Holstein), Nikolai Ditzenbach (LV Baden-Württemberg), Skade Niquet (LV Schleswig-Holstein), Alexander Künzle (LV Niedersachsen), Oskar Weiß (LV Baden-Württemberg), Paavo Czwikla (LV Nordrhein-Westfalen), Lorenz Wilhelm Deutsch (LV Nordrhein-Westfalen), Dr. Ann-Veruschka Jurisch (LV Baden- Württemberg), Anikó Glogowski-Merten (LV Niedersachsen), Jacqueline Krüger (LV Niedersachsen), Prof. Dr. Stephan Seiter (LV Baden-Württemberg), Nemir Ali (LV Niedersachsen), Wiebke Plascher (LV Niedersachsen), Ulrich Lechte (LV Bayern), Kristine Lütke (LV Bayern), Ria Schröder (LV Hamburg), Johannes Dallheimer (LV Berlin), Susanne Schütz (LV Niedersachsen), Michael Koch (LV Niedersachsen), Mats-Ole Maretzke (LV Niedersachsen), Maja Pfister (LV Berlin), Ulrike von Eicke (LV Baden-Württemberg), Uwe Reiner Ewen (LV Niedersachsen), Dr. Christopher Gohl (LV Baden- Württemberg), Helge Gülzau (LV Niedersachsen), Martina Gruhn- Bilic (LV Hamburg), Jan Felix Stöffler (LV Baden-Württemberg), Dr. Jens Brandenburg (LV Baden-Württemberg), apl. Prof. Dr. Dr. Jörg Tremmel (LV Baden-Württemberg), Mirwais Wafa (LV Baden- Württemberg), Michael Kauch (LV Nordrhein-Westfalen), Gisela Geckler (LV Baden-Württemberg), Marie Luise Kretschmer (LV Brandenburg), Patrick Döring (LV Niedersachsen), Julius Möller (LV Hamburg), Alena Fink-Trauschel (LV Baden-Württemberg), Alexander Rheindorf (LV Nordrhein-Westfalen), Tim Nusser (LV Baden-Württemberg), Julian Regenthal-Patzak (LV Brandenburg), Maria Laatsch (LV Schleswig-Holstein), Marianne Schäfer (LV Baden-Württemberg)
Für eine pluralistische Gesellschaft und eine anspruchsvolle Integrationspolitik
Deutschland ist ein Einwanderungsland. Die Zahlen spiegeln das wider, doch die
Gesellschaft und Politik haben diese Entwicklung lange verleugnet, auch aus
Angst, den Rechtspopulisten damit in die Hände zu spielen. Diese Zurückhaltung
darf nicht dazu führen, dass notwendige Debatten vermieden oder falsche
Schwerpunkte gesetzt werden.
Einwanderung ist nicht nur Ankunftszahlen. Der politische Fokus lag in den
vergangenen Jahren zu stark auf diesem Aspekt und zu wenig auf der zentralen
Herausforderung: gelingender Integration.
Integration ist kein Zufall, sondern das Ergebnis einer bewussten Entscheidung,
sowohl von den Zugewanderten als auch von der aufnehmenden Gesellschaft. Eine
Entscheidung für Freiheit, Verantwortung und Zusammenhalt.
Diese Verantwortung erwarten wir von allen in Deutschland lebenden Menschen. Im
Gegenzug liefern wir ein klares Versprechen: Freiheit, Teilhabe und
Aufstiegschancen für alle, die sich einbringen wollen. Denn gelungene
Integration ist eine Chance für unser Land.
Aus diesem Grund fordern wir Freie Demokraten eine neue, anspruchsvolle
Integrationspolitik:
1. Bildung als essenzieller Bestandteil gelungener, nachhaltiger Integration
Wir wollen eine liberale Gesellschaft, in der Leistung statt Herkunft zählt. In
unseren Schulen dürfen weder der akademische noch der kulturelle oder
sprachliche Hintergrund des Elternhauses über Bildungschancen entscheiden. Die
Realität sieht jedoch anders aus: Das Deutschniveau sinkt, und Lehrkräfte stehen
vor wachsenden Herausforderungen, ohne dafür ausreichend Unterstützung zu
erhalten.
Wir müssen Integration und Sprachausbildung frühzeitig angehen. Dafür brauchen
wir in allen Bundesländern ausreichende Ganztags-Kita-Plätze für all diejenigen,
die einen Platz in Anspruch nehmen möchten, unabhängig von Vergabekriterien.
Außerdem fordern wir ein verpflichtendes Vorschuljahr ab dem fünften Lebensjahr
– so werden Deutschkenntnisse frühzeitig vor der Einschulung vermittelt. Zu
Beginn dieses Jahres muss jedes Kind einen Test machen, und wer keine
ausreichenden Deutschkenntnisse hat, muss verpflichtend nachgeschult werden.
Sollte das Kind dennoch bei Einschulung oder zum Zeitpunkt eines späteren Zuzugs
kein ausreichendes Deutschniveau nachweisen können, müssen verpflichtende
Sommercamps besucht werden. Anhand solcher Deutschkurse in den Sommerferien
ermöglichen wir allen eine erfolgreiche Einschulung. Wir brauchen klare
Maßgaben: Jedes Kind in der ersten Klasse einer Grundschule – ganz gleich, in
welchem Bundesland – muss Deutsch sprechen können.
Gleichzeitig wollen wir Kinder schon früh an unsere pluralistische Gesellschaft
heranführen. Deshalb regen wir bei kommunalen Schulträgern an,
Schuleinzugsgebiete in Städten, die eine starke sozioökonomische Segregation in
verschiedene Stadtviertel aufweisen, auch unter Berücksichtigung geografischer
Nähe und öffentlicher Erreichbarkeit / eines angemessenen Schulwegs, neu
zuzuschneiden. So schaffen wir stärker durchmischte Schulklassen und damit mehr
Raum für Begegnung, für Schülerinnen und Schüler und ihre Eltern gleichermaßen.
Ziel ist es außerdem, Schülerinnen und Schüler unabhängig von ihrer
Religionszugehörigkeit in einem Umfeld zusammenzuführen, das frei von
ideologischen und extremistischen Einflüssen ist. Deshalb fordern wir die
Einführung einer allgemeinen Religionskunde, die sich gleichermaßen mit allen
Weltreligionen beschäftigt, um gegenseitiges Verständnis weiter zu fördern.
Bildung betrifft nicht nur die Schule. Integration ohne gemeinsame Sprache ist
nicht möglich, denn wer die Sprache der Gesellschaft nicht beherrscht, bleibt
von Teilhabe ausgeschlossen. Es darf nicht sein, dass Menschen seit Jahrzehnten
in Deutschland leben, ohne die Sprache zu beherrschen. Wir müssen das
Sprachkursangebot deutlich ausbauen und berufs- und erziehungsbegleitend
ermöglichen. Jede neu zugewanderte Person soll ab Tag 1 nach der Einreise
Anspruch auf Sprachgutscheine für zertifizierte Deutsch- oder
Alphabetisierungskurse ihrer Wahl haben, analog zu dem Bildungsgutscheinmodell:
die Sprachgutscheine können an eine selbst gewählte Sprachkurseinrichtung
weitergegeben werden, die diese dann wiederum beim Staat einlöst. So entsteht
ein transparenter Qualitätswettbewerb und wir erweitern das Sprachkursangebot
durch effiziente wirtschaftliche Anreize und vermeiden monatelange Wartezeiten
für einen Kursplatz.
2. Integration durch Arbeit erleichtern
Arbeit ist ein zentraler Schlüssel für gelungene Integration. Deshalb müssen wir
den Zugang zum Arbeitsmarkt für Menschen aus dem Ausland erleichtern und
administrative Hürden konsequent abbauen – sowohl bei Arbeitserlaubnissen als
auch bei der Anerkennung von Qualifikationen. Menschen in laufenden
Asylverfahren oder mit einer Duldung dürfen keinen Beschäftigungsverboten
unterliegen – das verhindert Integration, eigenständige
Lebensunterhaltssicherung und begünstigt Schwarzarbeit.
Um Geflüchtete schneller in Beschäftigung zu bringen, sollten Jobcenter proaktiv
mit Gemeinschaftsunterkünften zusammenarbeiten und vor Ort beraten.
Gleichzeitig sollten wir es einfacher machen, dass Menschen von vornherein auf
dem „richtigen“ Weg zu uns kommen, um hier zu arbeiten. Es muss leichter sein,
nach Deutschland zu kommen, um zu arbeiten, als nach Deutschland zu kommen, um
nicht zu arbeiten. Wir wollen die Westbalkanregelung ausweiten und die
Kontingente erhöhen: Jemand, der einen langfristigen Arbeitsvertrag hat und in
Deutschland in der Lage ist zu arbeiten und mit dem Lohn Steuern und Abgaben zu
bezahlen, soll ohne weitere Voraussetzungen sofort nach Deutschland einreisen
können – ohne langjährige Berufsanerkennungsverfahren.
Generell müssen Arbeitserlaubnisse für Migrantinnen und Migranten zügig erteilt
werden. Dies darf nicht wie derzeit nur für einzelne Stellen erfolgen, sondern
muss branchenbezogen innerhalb einer Region sein, um Jobwechsel zu vereinfachen.
Es muss für jeden Menschen, der nach Deutschland kommt, möglich sein, innerhalb
eines Jahres eine Arbeitserlaubnis und einen Aufenthaltstitel zu bekommen. Die
kombinierte Arbeits- und Aufenthaltserlaubnis der EU bietet hier eine
unbürokratische Lösung für einen erleichterten Zugang zum europäischen
Arbeitsmarkt, die wir vorantreiben statt einschränken sollten.
Auch bei der Anerkennung von Qualifikationen brauchen wir deutlich schnellere
und pragmatischere Verfahren. Unternehmen müssen die Freiheit haben, Personen
während laufender Anerkennungsverfahren unter klaren Auflagen bereits
einzustellen, nicht nur im Rahmen von kurzzeitig kontingentierter Beschäftigung.
Die Folgen langwieriger Verfahren dürfen nicht auf Betriebe abgewälzt werden,
die dringend Fachkräfte suchen.
Außerdem müssen wir Hinzuverdienst zu Sozialleistungen für alle Bürgerinnen und
Bürger durch eine schrittweise Anrechnung statt pauschaler Abzüge attraktiver
gestalten. Integration durch Arbeit ist schließlich nur dann erfolgreich, wenn
Erwerbstätigkeit finanziell attraktiver ist als der Bezug von Sozialleistungen.
Der Arbeitsmarkt braucht nicht nur Beschäftigung, sondern auch Unternehmertum.
Migrantinnen und Migranten verfügen, wie auch die übrige Bevölkerung, über
erhebliche unternehmerische und innovative Potenziale, die in der politischen
Debatte häufig unterschätzt oder ausgeblendet werden. Deshalb müssen wir den
unbürokratischen Zugang zu Mikrokrediten und Gründungsprogrammen flächendeckend
verbessern und Kleinunternehmertum weiter fördern. Das beinhaltet sowohl den
Ausbau des Mikrokreditfonds des Bundesministeriums für Arbeit und Soziales durch
höhere Mittel und eine breitere rechtliche Anerkennung von
Mikrofinanzinstitutionen als auch die erweiterte Nutzung europäischer
Finanzierungsinstrumente wie InvestEU.
Klar ist aber auch: arbeiten kann nur, wer nicht mit Care-Arbeit beschäftigt
ist. Deshalb müssen Betreuungsangebote für alle Bürgerinnen und Bürger ausgebaut
werden, insbesondere für Eltern, Alleinerziehende und pflegende Angehörige.
Die Bürgerinnen und Bürger erwarten zu Recht, dass die Zugewanderten in den
Arbeitsmarkt streben und so weit wie möglich ihren Lebensunterhalt selbst
bestreiten und nicht die Sozialsysteme belasten.
3. Integration durch Nähe und echte Begegnungen schaffen
Integration entsteht durch Nähe. Neben Bildung und Arbeit darf die räumliche
Dimension von Integration nicht vernachlässigt werden. Städte, die sich ohne
vorausschauende Planung entwickeln, neigen zu Ghettoisierung. Und während
Diaspora-Verknüpfungen das erste Ankommen erleichtern, dürfen sie nicht zu
dauerhaften Parallelgesellschaften führen. Häufig sind Neuankömmlinge nämlich
sehr schnell sehr gut integriert – allerdings nur innerhalb der eigenen
Community, nicht in der Gesamtgesellschaft.
Integration darf daher nicht nur auf individueller Ebene gedacht werden, sondern
muss auch Bevölkerungsgruppen als Ganzes ansprechen. Wir wollen Minderheiten
langfristig mehr in das Stadtbild integrieren und eine bessere Durchmischung der
Bevölkerung erreichen, insbesondere in großen Städten. Dafür wollen wir
marktwirtschaftliche Instrumente im Planungs- und Wohnrecht gezielt nutzen.
Statt schwer umsetzbarer Wohnraumauflagen, die nur für einen kleinen Teil der
Bevölkerung überhaupt rechtlich anwendbar sind, setzen wir auf
Investitionsanreize zur Förderung sozial gemischter Quartiere.
Daneben braucht es weitere schnell umsetzbare Maßnahmen für mehr Begegnungen.
Wir wollen ein Quartiersmanagement, das Austausch fördert, statt verhindert.
Hierfür sollen bereits bestehende öffentliche Räume genutzt werden, wie Schulen,
Bibliotheken, Jugendzentren oder Stadtteilbüros, und diese zu Community Hubs
(Gemeinschaftszentren) ausgebaut werden. Wir wollen Treffpunkte schaffen, die
eine Vielzahl von Aktivitäten, Dienstleistungen und Ressourcen für Bildung und
kulturelle Veranstaltungen für alle bieten.
Ergänzend soll eine Verteilungsregel für staatlich geförderten Wohnraum pro
Stadtviertel eingeführt werden, ohne die Gesamtzahl geförderter Wohnungen zu
reduzieren, sondern um sie räumlich ausgewogener zu verteilen. Eine solche
städtebauliche Steuerung muss frühzeitig ansetzen, um die Konzentration von
bestimmten Angeboten in bestimmten Vierteln zu vermeiden, etwa Straßen mit
überwiegend Spielhallen oder Wettbüros oder Wohnlagen mit stark einseitiger
sozialer Zusammensetzung. So fördern wir lebendige, vielfältige Stadtteile statt
räumlicher Monokulturen.
Soziale Durchmischung erfordert auch eine ausgewogene Verteilung von
Geflüchteten, vorwiegend mit langfristiger Bleibeperspektive, auf Bezirke und
Stadtteile. Diese Verteilung muss maßgeblich gemeinsam mit den Bezirken
gestaltet werden. Andernfalls besteht die Gefahr, dass – wie in der
Vergangenheit – Sportstätten oder andere öffentliche Einrichtungen für
Unterbringungszwecke genutzt werden. Das schwächt die Akzeptanz in der lokalen
Bevölkerung und schadet allen Bürgerinnen und Bürgern, weil gerade die Orte
verloren gehen, die für Begegnung, Zusammenhalt und Integration entscheidend
sind.
4. Eine liberal-pluralistische Gesellschaft erreichen
Integration bedeutet, dass – vielleicht auch erst in den nachfolgenden
Generationen – die Chancen im Leben und ihre Nutzung durch den einzelnen nicht
mehr davon abhängen, ob eine Migrationsgeschichte vorliegt oder nicht.
Insbesondere ist es wichtig, dass die Gesellschaft die Migranten als Menschen
akzeptiert, die a priori nicht schlechter und auch nicht besser sind als die,
die schon lange hier sind oder schon immer da waren. Die permanente Betonung der
familiären Migrationsgeschichte der Zugewanderten, auch über die zweite
Generation hinaus, ist nicht nur integrationshemmend, sondern im Endeffekt
diskriminierend.
Die Verantwortung für gelungene Integration liegt auch bei den Ankommenden
selbst. Wir können und wollen einen Integrationswillen voraussetzen und fordern
den verpflichtenden Besuch von Integrationskursen, die, gleichermaßen wie
Sprachkurse, kompatibel mit Beruf und familiären Verpflichtungen gestaltet sind.
Am Ende eines solchen Kurses soll ein symbolischer „Vertrag zur Integration“
stehen zwischen den Neuankömmlingen und dem deutschen Staat. Dieser Vertrag soll
ein Versprechen beider Seiten sein, den Spracherwerb zu leisten bzw. zu
ermöglichen, sowie die grundlegenden deutschen Werte anzuerkennen.
Die Krönung gelungener Integration ist schließlich die Einbürgerung, die,
ähnlich wie in den USA, durch eine feierliche Zeremonie gewürdigt werden sollte.
Denn Patriotismus ist Ausdruck von Zugehörigkeit, nicht von Ausgrenzung. Wir
wollen, dass alle Bürgerinnen und Bürger stolz sind, Teil unserer Gesellschaft
zu sein – und neu Eingebürgerte gebührend willkommen heißen.
Eine große Rolle unseres gesellschaftlichen Selbstbildes spielt die Religion,
die immer wieder im Zusammenhang mit Migration insbesondere aus muslimischen
Ländern diskutiert wird. Deutschland ist ein Land religiöser Vielfalt, in dem
Zugehörigkeit nicht vom Glauben abhängt. Wir setzen uns für die Unabhängigkeit
der Religionsausübung ein und streben eine Gleichbehandlung von
Religionsgemeinschaften an. Dafür wollen wir das bisherige Staatskirchenrecht zu
einem Religionsverfassungsrecht weiterentwickeln.
Zugleich muss die Religionsausübung unabhängig von ausländischer politischer
Einflussnahme sein. Religiöse Amtsträger, etwa Imame oder Geistliche, sollen
ihre Glaubensgemeinschaften vertreten dürfen, aber nicht von ausländischen
politischen Akteuren direkt eingesetzt oder entsandt werden können. Stattdessen
sollte der deutsche Staat bei der Ausbildung von Amtsträgern Einfluss nehmen, um
die Übereinstimmung der Lehre mit rechtsstaatlichen Grundsätzen sicherzustellen.
Deshalb fordern wir, analog zur Ausbildung christlicher Amtsträger, den Ausbau
des Ausbildungsangebots von Imamen und islamischen Religionslehrern an deutschen
Universitäten für eine Imam-Ausbildung frei von ausländischer Finanzierung und
Beeinflussung.
Wo Religionsgemeinschaften oder ihre Vertreter gegen verfassungsrechtliche
Grundsätze verstoßen, müssen konsequente Maßnahmen bis hin zu einem Verbot
möglich sein.
5. Die Rolle des Rechtsstaats
Die Zahl der Straftaten in Deutschland ist in den vergangenen Jahren insgesamt
gesunken –und trotzdem nimmt mit zunehmender Migration das subjektive
Sicherheitsempfinden vieler Bürgerinnen und Bürger ab. Unabhängig davon, ob
diese Sorgen statistisch begründet sind, müssen sie ernst genommen werden.
Deshalb setzen wir auf einen starken Rechtsstaat, der das Sicherheitsgefühl der
Bürgerinnen und Bürger stärkt. Zentral dafür sind die angesprochenen
städtebaulichen Maßnahmen: Durch kluge Stadtplanung wie gute Beleuchtung,
lebendige öffentliche Räume und die Vermeidung städtebaulicher Brennpunkte
lassen sich sogenannte „No-Go-Areas“ verhindern.
Dazu kommt eine sichtbare, verlässliche Polizeipräsenz. Doch Sicherheit darf
nicht nur repressiv, sondern muss auch präventiv gedacht werden: Mehr
Streetwork, Jugendarbeit und Sensibilisierung sind unverzichtbar.
Sicherheitspolitik sollte jedoch nicht isoliert als Migrationspolitik verstanden
werden. Die Herausforderungen sind gesamtgesellschaftlich. Ein funktionierender
Rechtsstaat definiert klare Regeln, setzt sie durch und verhindert Konflikte
durch wirksame Prävention. Jedem, der hier lebt, und jedem, der zu uns kommt,
muss klar sein, dass die Regeln des Rechtsstaats für alle gelten. Aus diesem
Grund fordern wir eine konsequente Verfolgung strafrechtlicher Delikte,
unabhängig vom Aufenthaltsstatus.
Wir wollen außerdem Gemeindesanktionen bei lokalen Ordnungsverstößen einführen,
um so schnellere Verfahren zu ermöglichen und damit Fehlverhalten und Strafe
enger zu koppeln. Dabei sollen bei Jugendvergehen die Eltern einbezogen werden.
Gegenüber organisierter Kriminalität, Clanstrukturen und extremistischen
Netzwerken fordern wir eine Null-Toleranz-Politik.
Ebenso hat aber auch der Rechtsstaat eine Verpflichtung gegenüber seinen
Bürgerinnen und Bürgern. Dazu gehört auch, dass Verfahren effizient ausgestaltet
werden, um Rechtsklarheit und Vertrauen in staatliches Handeln zu schaffen. Wir
brauchen schnelle, verlässliche Entscheidungen, um Überlastungen in Verwaltung
und Justiz zu vermeiden – das gilt für Anerkennungs- und Rückführungsverfahren
genauso wie für arbeitsmarktbezogene Aufenthaltsentscheidungen. Solche
Entscheidungen dürfen sich dabei nicht über geltendes Recht oder Menschenrechte
hinwegsetzen, um langwierige Einspruchsverfahren zu reduzieren.
Für effiziente Verfahren liegt die Pflicht jedoch nicht nur bei staatlichen
Stellen: alle Neuankommenden haben eine Mitwirkungspflicht bei ihrer
Identitätsfeststellung, Registrierung und Behördenkommunikation.
Nur so gelingt eine sichere, freie und von gegenseitiger Akzeptanz geprägte
pluralistische Gesellschaft.
6. Migration im Sinne der Integration steuern
Integrationskapazitäten unserer Gesellschaft sind begrenzt – das betrifft sowohl
Geflüchtete als auch Arbeits- und Bildungsmigration, denn beide Gruppen bedürfen
besonderer Unterstützung bei der dauerhaften Integration. Diese Realität wurde
lange ausgeblendet. Die Politik hat sich vor allem auf Ankunftszahlen und
Unterbringung konzentriert, während die tatsächliche Integrationsfähigkeit von
Kommunen, Schulen und Arbeitsmarkt vernachlässigt wurde. Auch wurde die Tatsache
ignoriert, dass wir bereits eine hohe Zahl an Eingewanderten aus der
Vergangenheit in Deutschland haben, die noch nicht vollständig integriert sind
und somit Kapazitäten benötigen.
Dabei ist gelungene Integration Voraussetzung für die gesellschaftliche
Akzeptanz von Einwanderung. Dies bedeutet auch, dass wir die Zahl der
Geflüchteten ohne Asylgrund durch eine bessere migrationspolitische Steuerung
reduzieren müssen, damit echte Integration gelingt. Im Fokus sollte dabei nicht
der nationale Alleingang stehen, sondern der wirksame Schutz der EU-Außengrenzen
.
Unsere begrenzten Integrationsressourcen müssen gezielt dort eingesetzt werden,
wo eine realistische Bleibeperspektive besteht. Personen mit Aussicht auf
dauerhaften Aufenthalt sollen priorisiert aus Erstaufnahmeeinrichtungen in die
Kommunen verlegt werden. Menschen ohne Bleibeperspektive sollen, sofern die
Kapazitäten dies zulassen, bis zur Ausreise in den Erstunterkünften verbleiben.
Gleichzeitig brauchen wir deutlich schnellere Asyl- und Rückführungsverfahren,
um Situationen zu vermeiden, in denen Menschen dauerhaft ohne Perspektive in
Deutschland leben – weder integriert noch abgeschoben. Letzteres ist
integrationspolitisch wie sicherheitspolitisch falsch.
Umgekehrt muss gut integrierten Menschen weiterhin Spurwechsel ermöglicht
werden. Dies gilt auch für Syrerinnen und Syrer. Wir fordern eine klare
Stichtagsregelung zum Ende dieses Jahres: Wer seit 2015 aus Syrien nach
Deutschland geflohen ist, den Duldungsstatus besitzt, integriert ist, die
Sprache beherrscht und seinen Lebensunterhalt selbst sichern kann, soll einen
dauerhaften Aufenthaltstitel erhalten. Wer diese Kriterien bis zum Stichtag
nicht erfüllt, und keinen Grund für dauerhaftes Asyl hat, muss ausreisen oder
wird konsequent abgeschoben. Die Umsetzung der Regelung darf jedoch nicht
zulasten des Schutzes besonders gefährdeter Minderheiten, insbesondere
ethnischer und religiöser Gruppen wie der Kurdinnen und Kurden, erfolgen.
Freiwillige Ausreisen müssen sozial begleitet und Möglichkeiten für
Wiedereinreisen offengehalten werden, zum Beispiel über Multi-Entry-Visa.
Generell gilt: Die gut Integrierten abzuschieben, um die Zahl der Abschiebungen
zu steigern, ist in jeder Hinsicht kontraproduktiv.
Deutschland ist ein weltoffenes Land. Offen für alle, die Verantwortung
übernehmen und mitarbeiten wollen. Das ist der Schlüssel zu gelungener
Integration und gesellschaftlicher Akzeptanz.