Antragsbuch für den 77. Ordentlichen Bundesparteitag

BFA Familie, Senioren, Frauen und Jugend

Männer sind keine Patientinnen

Inwiefern die Geschlechter einer unterschiedlichen medizinischen Versorgung
bedürfen, ist bisher wissenschaftlich wenig untersucht. Gleichzeitig wird jedoch
vermutet, dass das Geschlecht ebenso wie das Alter auf den Verlauf und die
Behandlung von Krankheiten einen maßgeblichen Einfluss hat. Bekannt sind solche
Unterschiede beispielsweise beim Herzinfarkt und bei der Osteoporose. Beide
Krankheiten werden häufig nur mit einem Geschlecht assoziiert und zeigen beim
jeweils unterrepräsentierten Geschlecht andere Symptome, was eine spätere
Diagnose und unspezifischere Behandlung zur Folge hat. Ziel ist es daher, durch
eine personalisierte Medizin die bestmögliche Gesundheitsversorgung für das
Individuum zu bieten.

Forschung und Lehre

Der Fokus zur Verbesserung der geschlechtsspezifischen medizinischen Versorgung
liegt in der Erforschung weiterer Unterschiede. Bisher ist die Charité in Berlin
das einzige Uniklinikum in Deutschland, das diese Bedürfnisse systematisch
erforscht und lehrt. Die Eröffnung weiterer Institute für Geschlechterforschung
in der Medizin soll daher an anderen Universitätskliniken massiv gefördert
werden, da nur auf dieser Grundlage wissenschaftliche Erkenntnisse gewonnen und
in die Lehre getragen werden können. Unterstützend dazu sind medizinische
Forschungsinstitute mit sozialwissenschaftlichen Instituten zu vernetzen. Bei
Forschungsprojekten sind Datensätze nach kanadischem Vorbild zwingend auf
geschlechtsspezifische Unterschiede zu untersuchen, was keinen relevanten
Mehraufwand bedeutet, da es ohnehin erhobene Daten betrifft. Sollte ein Projekt
nur ein Geschlecht untersuchen, ist dies künftig streng zu begründen. Um diese
Forschung gerecht zu finanzieren, fordern wir ein konsequentes Gender-Budgeting
in der Gesundheitsförderung. Öffentliche Mittel für Präventionsprogramme müssen
hälftig in Projekte fließen, die gezielt die gesundheitlichen Bedarfe von
Frauen, wie die Osteoporose-Prävention, und Männern, wie die Herzinfarkt-
Früherkennung, adressieren.

Zulassung von Medikamenten

Der Prototyp von Testpersonen bei Zulassungsstudien von Medikamenten ist noch
immer jung und männlich. Dadurch sind die Verträglichkeit, die Dosis und die
Nebenwirkungen bei Frauen und älteren Menschen nicht sicher geklärt. Wir fordern
daher, dass Tierversuche nicht länger vorrangig an männlichen Mäusen
durchgeführt werden dürfen, da gerade hier erste wichtige Hinweise auf
geschlechtsspezifische Reaktionen gewonnen werden können. Um das
Gesundheitsrisiko in klinischen Phasen zu minimieren, muss die Forschung zu
„Virtual Twins“ (digitalen Patientenzwillingen) massiv gefördert werden, um
Medikamentenwirkungen geschlechtsspezifisch zu simulieren, bevor sie am Menschen
getestet werden. Auf der dritten Stufe der Zulassung muss jedenfalls dort, wo
Unterschiede bereits nachgewiesen sind, eine breitere Testung erforderlich sein.
Zudem sind Patienten zu sensibilisieren, dass oft eine geringere Dosierung als
in der Packungsbeilage angegeben empfehlenswert sein kann. Das
Bundesgesundheitsministerium und das Paul-Ehrlich-Institut sollen eine App zur
Verfügung stellen, über die Patienten unter Nennung von Alter und Geschlecht
Nebenwirkungen melden können. Zur Vermeidung von Missbrauch ist die
Identifikation über einen QR-Code auf dem Rezept sicherzustellen. Diese
Datensammlung soll bei Auffälligkeiten die medizinische Forschung unterstützen.


Psychische Erkrankungen

Die Diagnose von psychischen Erkrankungen wird teilweise durch
Geschlechterstereotype beeinträchtigt. So erfolgt die Diagnose von Autismus oder
ADHS bei Frauen erheblich später als bei Männern. Während die narzisstische
Persönlichkeitsstörung eher bei Männern diagnostiziert wird, trifft die Diagnose
Borderline eher Frauen, obwohl sich die Symptome oft nicht wesentlich
unterscheiden. Selbiges gilt bei Depressionen, wobei Verzögerungen zu schweren
Folgeerkrankungen führen können. In der psychotherapeutischen Praxis und
Ausbildung ist daher für den Einfluss von Stereotypen zu sensibilisieren.
Unterstützend kann mit datensicheren Algorithmen der öffentlichen Hand
gearbeitet werden, die Symptome geschlechtsneutral auswerten. Da es vor allem
Männern schwerfällt, Hilfe anzunehmen, müssen gesellschaftliche Rollenbilder
überwunden werden. Beratungsangebote für ungewollt kinderlose Personen, die
bisher stark auf Frauen zugeschnitten sind, müssen dringend auf Angebote für
Männer erweitert werden.

Uterine Gesundheit: Endometriose, PCOS und Myome

Erkrankungen des Uterus und des weiblichen Hormonsystems, wie Endometriose, PCOS
(Polyzystisches Ovarsyndrom) und Myome, werden gesellschaftlich kaum
wahrgenommen. Endometriose allein betrifft 10-15 Prozent aller Frauen, führt
jährlich zu 30.000 Neuerkrankungen in Deutschland und ist für bis zu 60 Prozent
der ungewollten Kinderlosigkeit verantwortlich. Dennoch vergehen bis zur
Diagnose oft 10 Jahre. Da sich diese Erkrankungen sehr unterschiedlich äußern
und oft operative Eingriffe zur Diagnose erfordern, fordern wir eine bundesweite
Aufklärungskampagne sowie eine verstärkte Forschung an nicht-invasiven
Diagnosemethoden. Die Behandlung dieser chronischen Erkrankungen muss ärztlich
adäquat entlohnt werden. Zudem ist die Kostenübernahme für komplementär-
medizinische Therapien bei wissenschaftlicher Evidenz sowie für die
Antibabypille als notwendige Therapieform sicherzustellen. Der Zugang zu
Rehabilitationsmaßnahmen und Anschlussheilbehandlungen muss für Patientinnen
nach Operationen erheblich vereinfacht werden.

Anerkennung und Versorgung bei Lipödem
Das Lipödem ist eine chronische Fettverteilungsstörung, die fast ausschließlich
Frauen betrifft und oft jahrelang fehldiagnostiziert wird. Wir fordern, dass die
chirurgische Fettabsaugung (Liposuktion) als Regelleistung der gesetzlichen
Krankenkassen für alle Stadien anerkannt wird, sofern eine medizinische
Indikation vorliegt. Die bisherigen Beschränkungen der Kostenübernahme sind
medizinisch nicht haltbar, da frühzeitige Eingriffe das Fortschreiten der
Erkrankung und massive Schmerzen verhindern können. Darüber hinaus muss ein
strukturiertes Behandlungsprogramm (DMP) eingeführt werden, das die notwendige
konservative Therapie, wie Lymphdrainagen und Kompressionsversorgung, nahtlos
bündelt. Die Bundesregierung wird aufgefordert, ein Forschungsprogramm zur
Entschlüsselung der hormonellen und genetischen Ursachen des Lipödems
aufzulegen.

Menopause-Management am Arbeitsplatz

Um die Arbeitsfähigkeit und das Wohlbefinden von Frauen nachhaltig zu sichern,
fordern wir die Einführung verbindlicher Leitlinien für ein Menopause-Management
in Unternehmen. Mitarbeiterinnen in den Wechseljahren benötigen Unterstützung
durch sensibilisierte Führungskräfte und flexible Arbeitsbedingungen, um
gesundheitliche Beeinträchtigungen im Berufsalltag auszugleichen. Die
Tabuisierung der Menopause am Arbeitsplatz muss beendet werden, um erfahrene
Fachkräfte im Erwerbsleben zu halten und ihre Gesundheit präventiv zu schützen.

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