Freiheit ist niemals selbstverständlich
Vor 75 Jahren wurde er hingerichtet. Arno Eschs Schicksal zeigt, wohin es führt, wenn ein Staat unabhängiges Denken als Bedrohung begreift. Linda Teuteberg mahnt: „Wir benötigen ein erneuertes gesamtdeutsches Ethos des Antitotalitarismus.“
Am 24. Juli 1951 wurde Arno Esch im Moskauer Butyrka-Gefängnis hingerichtet. Der erst 23-jährige Jurastudent war als engagierter Liberaler ins Visier der SED und der sowjetischen Besatzungsmacht geraten, 1949 verhaftet und 1950 zum Tode verurteilt worden.
FDP-Präsidiumsmitglied Linda Teuteberg hält im Interview mit der „Welt“ die Erinnerung an Arno Esch wach. Aus seinem Schicksal ließen sich viele Schlüsse für die Gegenwart ziehen.
So enthalte bereits Arno Eschs Verfolgung zu Beginn der DDR eine wichtige Botschaft für das gesamtdeutsche Gedächtnis: „Der SED-Staat war eine Diktatur – von Anfang an und von den ideologischen Grundlagen her.“ Der Legende vom guten Anfang mit späteren Fehlentwicklungen sei entschieden zu widersprechen.
Liberalismus ist der Gegenentwurf zum Totalitarismus
Zugleich mahne Eschs Geschichte, dass Freiheit nicht selbstverständlich ist. Wo ein Staat unabhängiges Denken als Bedrohung betrachtet, gerät die Freiheit seiner Bürger in Gefahr. „Auf Unfreiheit und Kollektivismus gründende Regimes fürchten nichts mehr als unabhängig denkende Menschen und offene geistige Auseinandersetzung.“ Nichts rechtfertige die Entmündigung und Unterdrückung von Menschen. Der Lackmustest dafür sei das Verhältnis zu politisch motivierter Gewalt und zum Gewaltmonopol des demokratischen Rechtsstaats – ohne Rabatt für irgendeine politische Seite, so Teuteberg.
Im Liberalismus sah Arno Esch den konsequentesten Gegenentwurf zu den totalitären Vorstellungen des Marxismus und des gerade überwundenen Nationalsozialismus. Das Grundrecht auf Privateigentum verteidigte er als wichtige Grundlage einer demokratisch verfassten Gesellschaft. Für Teuteberg haben seine Gedanken bis heute nichts an Bedeutung verloren: „Das ist angesichts konzertierter Angriffe auf das Eigentum und der Diffamierung von Leistungsbereitschaft, Verantwortungsübernahme und Vermögensbildung sehr aktuell.“
Neue totalitäre Tendenzen betrachtet Teuteberg mit Sorge: Gewaltfantasien gegen den Bundeskanzler beim Stauffenberg-Gedenken, die Diskreditierung von Demokratie und Freiheit, die Verharmlosung der SED-Diktatur, die Verklärung der DDR zum Friedensstaat und die Bewunderung für den Aggressor Putin. Ihr Schluss: „Zu den Grundlagen einer innerlich gefestigten Demokratie gehört ein von der Gesellschaft getragener antitotalitärer Konsens.“
Marktwirtschaft statt Reißbrettsozialismus
Es reiche aber nicht aus, totalitäre Ideen nur abzuwehren. Ebenso wichtig sei es, eine überzeugende freiheitliche Alternative zu zeigen und wieder mehr Menschen für Freiheit und Verantwortung zu begeistern. Dazu gehöre auch, sich selbst zu hinterfragen und offene Debatten nicht nur zu fordern, sondern selbst zu führen.
Auch die moralische Qualität und die Leistungsfähigkeit der Marktwirtschaft müssten gegen die Romantisierung eines Reißbrettsozialismus verteidigt werden, der noch nirgendwo in der Praxis funktioniert habe. Teuteberg betont außerdem: „Nur wer Leistung würdigt, macht Lust auf Verantwortung.“
Erinnerung an die Gegner der SED-Diktatur wachhalten
Wenn es nach den Freien Demokraten geht, sollten Arno Esch und weitere Persönlichkeiten der Opposition gegen die SED-Diktatur stärker im öffentlichen Raum gewürdigt werden – etwa durch die Benennung von Straßen, Plätzen oder Schulen. So könnten ihre Botschaften wachgehalten werden. Linda Teuteberg bringt es auf den Punkt: „Eine gemeinsame Zukunft braucht ein gemeinsames Gedächtnis.“