Wir sind nicht ausreichend vorbereitet

Die Waldbrandgefahr in Deutschland wächst, doch vielerorts fehlt es an befahrbaren Waldwegen, Löschwasser und moderner Ausrüstung. Wiebke Knell und Jana Gräf warnen: Deutschland ist nicht vorbereitet.

Jana Gräf und Wiebke Knell.
Jana Gräf und Wiebke Knell betonen: „Dass es bisher glimpflich ausgeht, verdanken wir den Feuerwehren, überwiegend ehrenamtlich, in diesen Wochen im Dauereinsatz.“

Trockenheit, niedrige Wasserstände und eine hohe Waldbrandgefahr stellen Feuerwehren in Deutschland vor immer größere Herausforderungen. Wiebke Knell, Sprecherin für Forstwirtschaft im Bundesvorstand der Freien Demokraten und Vorsitzende der FDP-Fraktion im Hessischen Landtag, sowie Jana Gräf, Mitglied des FDP-Bundesvorstands und fachpolitisch im Cluster Forst und Holz tätig, warnen deshalb davor, sich bei der Waldbrandbekämpfung allein auf zusätzliche Technik zu verlassen. Entscheidend seien vor allem funktionierende Strukturen vor Ort: befahrbare Waldwege, ausreichend Löschwasser und eine wirksame Prävention.

Die aktuelle Lage zeige, wie dringlich das Problem sei. Der Deutsche Wetterdienst meldet vielerorts eine hohe bis sehr hohe Waldbrandgefahr. Die Böden sind so trocken wie in den Dürrejahren 2018 und 2022. Wasser wird knapper, während zugleich die Gefahr steigt, immer mehr davon zur Brandbekämpfung zu benötigen.

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Wege: Beim Waldbrand zählt jede Minute

Wie schnell sich ein Feuer ausbreiten kann, zeigte Anfang August ein Brand im Rheingau-Taunus-Kreis. Nachdem Rauch tief im Wald gemeldet worden war, benötigten die Einsatzkräfte rund 30 Minuten, um die Brandstelle zu lokalisieren und zu erreichen. Zu diesem Zeitpunkt standen bereits Fichten bis in die Kronen in Flammen. Mehr als 20.000 Quadratmeter brannten, rund 150 Einsatzkräfte waren vor Ort.

Für Knell und Gräf zeigt der Fall, wie entscheidend die Erreichbarkeit eines Brandortes ist. Trockenes Totholz und dichter Unterstand könnten dazu führen, dass ein zunächst kleiner Bodenbrand schnell auf die Baumkronen übergreift. Umso wichtiger seien Wege, über die Einsatzkräfte schnell zum Feuer gelangen.

Luftunterstützung könne zwar auch helfen, Brandlinien zu unterbrechen. Sie ersetze aber nicht die Arbeit am Boden. Die Autorinnen bringen es auf den Punkt: „Entschieden wird ein Waldbrand am Boden, mit dem Schlauch, so nah am Feuer wie möglich.“

Wasser: Löschreserven endlich sichern

Aus Sicht der beiden Freien Demokratinnen müssen Waldwege, Löschteiche und Brandschneisen deshalb stärker als Teil der kritischen Katastrophenschutzinfrastruktur verstanden werden. Gerade beim Unterhalt von Waldwegen fehlten Waldbesitzern und Kommunen häufig die notwendigen Mittel. Dabei könne eine funktionierende Infrastruktur im Ernstfall wertvolle Zeit sparen. Das gelte insbesondere für die Löschwasserversorgung. 

Was passiert, wenn ausreichende Reserven fehlen, zeigt nach Ansicht von Knell und Gräf der Main-Kinzig-Kreis. Dort wurden Bürger nach einem größeren Brandeinsatz bereits dazu aufgerufen, möglichst auf Duschen, Baden und Gartenbewässerung zu verzichten, um das Trinkwassernetz zu entlasten.

Sie fordern, Löschteiche zu erhalten und wiederherzustellen sowie sämtliche Entnahmestellen digital zu erfassen und in die Einsatzsysteme einzubinden. Ihr Befund: „Die Löschwasserversorgung ist kommunale Pflichtaufgabe – es fehlt kein Gesetz, sondern die Umsetzung.“

Totholz: In Ortsnähe muss Sicherheit Vorrang haben

Handlungsbedarf sehen Knell und Gräf auch beim Umgang mit Totholz, das einerseits wertvollen Lebensraum bietet, andererseits als trockenes Brennmaterial die Ausbreitung von Waldbränden begünstigt. Hier brauche es klare Entscheidungen zugunsten des Brandschutzes – unabhängig davon, wem der Wald gehört. Dass das in der Praxis bislang nicht immer gelingt, zeigt ein Beispiel aus dem Harz: Nach den schweren Bränden 2022 hatten sich Land, Landkreis, Nationalparkverwaltung und die Stadt Wernigerode darauf verständigt, Totholz im Nahbereich von Schierke zu entfernen. Nach rechtlichen Auseinandersetzungen wurden die Räumungen schließlich aufgegeben. Gerade in der Nähe von Ortschaften müsse jedoch stärker zwischen Naturschutz und Gefahrenabwehr abgewogen werden. Knell und Gräf betonen: „In Bebauungsnähe wiegt der Brandschutz schwerer als der Naturschutzwert.“

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Technik: Katastrophenschutz endlich modern ausstatten

Neben der Infrastruktur kritisieren die beiden FDP-Politikerinnen auch die technische Ausstattung des Katastrophenschutzes. Die ergänzende Ausstattung des Bundes basiert auf einem Konzept aus dem Jahr 2008, das vom Bundesrechnungshof als veraltet kritisiert wurde. Von 5.421 vorgesehenen Fahrzeugen fehlen nach Angaben der Autorinnen heute noch mehr als 1.600. Dass Länder Bundesfahrzeuge teilweise auf eigene Kosten mit Löschrucksäcken und leichtem Schlauchmaterial nachrüsten, zeige, dass die bestehende Ausstattung nicht ausreichend auf Vegetationsbrände ausgerichtet sei. 

Auch die jüngsten Ankündigungen der Bundesregierung überzeugen Knell und Gräf deshalb nicht. Zwar hat der Bund ein Milliardenprogramm für zusätzliche Fahrzeuge angekündigt. Gleichzeitig sei ein Beschaffungskonzept aus dem Jahr 2008 auch 18 Jahre später noch nicht vollständig umgesetzt. Statt sich auf immer neue Milliardenprogramme zu verlassen, sehen Knell und Gräf drei unmittelbar notwendige Handlungsfelder.

Was jetzt beim Waldbrandschutz passieren muss

  • Die Wege. Länder und Kommunen sollen gemeinsam mit Waldbesitzern festlegen, welche Waldwege für Einsatzfahrzeuge dauerhaft befahrbar bleiben müssen. Bevor Wege stillgelegt werden, müsse geprüft werden, welche Flächen dadurch für die Feuerwehr schwerer erreichbar werden.
  • Das Wasser. Löschteiche sollen erhalten, wiederhergestellt und bei Bedarf neu angelegt werden. Entnahmestellen müssten vollständig digital erfasst und den Einsatzkräften unmittelbar zur Verfügung stehen.
  • Die Vorsorge. Besonders an Siedlungsrändern müsse die Brandlast reduziert werden. Gleichzeitig wollen Knell und Gräf die Früherkennung durch Sensorik und Satelliten ausbauen und die Luftunterstützung so organisieren, dass im Ernstfall keine Zeit durch Streit über Zuständigkeiten und Kosten verloren geht.

Beim Waldbrandschutz sind alle Ebenen gefragt

Die beiden FDP-Politikerinnen sehen beim Brandschutz Bund, Länder und Kommunen gleichermaßen in der Verantwortung. Schließlich befindet sich rund die Hälfte des deutschen Waldes in öffentlicher Hand. Dennoch würden alle drei Ebenen bei zentralen Aufgaben wie Erreichbarkeit, Löschwasserversorgung und Ausstattung hinterherhinken. So könne es nicht weitergehen. „Dass es bisher glimpflich ausgeht, verdanken wir den Feuerwehren, überwiegend ehrenamtlich, in diesen Wochen im Dauereinsatz, oft mit Gerät, das älter ist als der Klimawandel, den sie bekämpfen.“ Doch Anerkennung allein reiche nicht. 

Ebenso wie der Klimawandel keine Naturgewalt sei, seien auch die zunehmenden Waldbrände nicht einfach Schicksal, sondern eine Folge menschlichen Handelns und politischer Entscheidungen.