Zwischen Lebensgeschichte und Lagebericht

Ganze fünf Stunden lang spricht Nicole Büttner im Podcast „Alles gesagt?“ der ZEIT über ihr Aufwachsen, prägende Entscheidungen und ihren Weg zur FDP-Generalsekretärin. Und ganz nebenbei analysiert sie den Zustand Deutschlands und skizziert, wohin die Reise aus ihrer Sicht gehen muss.

Nicole Büttner im Podcast-Studio.
Nicole Büttner betont: „Wenn man immer nur darauf schaut, wo es Reibung geben könnte, dann kommt man politisch nicht voran. Wo gehobelt wird, da fallen Späne – das gilt auch für Reformen.“ © Alena Schmick für DIE ZEIT

FDP-Generalsekretärin Nicole Büttner hat sich Zeit genommen – ganze fünfeinhalb Stunden spricht sie im ZEIT-Podcast „Alles gesagt?“ über ihr Leben und ihre politischen Überzeugungen. Woher ihr Antrieb kommt und was Deutschland jetzt braucht.

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Reformmut statt „Klein-Klein“

Für Büttner beginnt Zukunft mit Reformmut. „Wenn man immer nur darauf schaut, wo es Reibung geben könnte, dann kommt man politisch nicht voran. Wo gehobelt wird, da fallen Späne – das gilt auch für Reformen.“ Für sie ist das keine Floskel, sondern eine Diagnose. Fehle die Bereitschaft, Dinge grundlegend zu verändern, bleibe Politik im „Klein-Klein stecken“. Statt Strukturreformen gebe es Detailkorrekturen, statt Aufbruch die Verwaltung des Bestehenden.

Das untergrabe Vertrauen, besonders dann, wenn Wahlversprechen und Regierungshandeln auseinanderklafften. „Der Wahlkämpfer Friedrich Merz klang in vielen Fragen sehr anders als der Bundeskanzler“, sagt sie. Wenn Menschen das Gefühl hätten, ihre Stimme ändere ohnehin nichts, sei das gefährlich: „Die Leute sagen: Ihr kriegt das alles nicht in den Griff. Und dann wählen sie eine vermeintliche Alternative, die es mal allen zeigen soll.“

Bürokratie ist das Symptom eines misstrauischen Staates

Vertrauen fehle jedoch nicht nur in die Politik, sondern auch im Verhältnis zwischen Staat und Bürgern. „Ich finde, der Impuls, alles kleinteilig zu regulieren, setzt ein sehr misstrauisches Weltbild voraus.“ Statt immer neuer Kontrolle brauche es mehr Zutrauen. „Wir sollten den Leuten etwas zutrauen.“ Für Büttner ist das Ausdruck eines liberalen Menschenbildes: „Es glaubt an die Fähigkeiten des Einzelnen, möchte Menschen stark machen.“

Wer Bürgerinnen und Bürger vor allem kontrollieren wolle, produziere Bürokratie und lähme Eigeninitiative. Viele steckten inzwischen in einem „Korsett an Bürokratie“, verbrächten immer mehr Zeit mit Berichten, Formularen und Nachweisen. Der Staat werde dort spürbar, wo man ihn nicht brauche und fehle dort, wo er funktionieren müsse. Deshalb formuliert sie einen klaren Anspruch: „Der Staat muss sich auf ein Kernportfolio konzentrieren: Sicherheit, Bildung, Infrastruktur. Damit da wieder Handlungsfähigkeit ist und man zeigen kann: Wir machen Dinge – und wir machen sie gut.“

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Das Aufstiegsversprechen erneuern

Eng damit verbunden ist für Büttner das Aufstiegsversprechen: die Zusage, dass sich Anstrengung lohnt und Herkunft nicht über Lebenswege entscheidet. Aufstieg sei jedoch nur in einer florierenden Wirtschaft möglich. Wirtschaftswachstum ist für die Freien Demokarten deshalb kein Selbstzweck, sondern Voraussetzung für Chancen. „Wir wollen mehr Wachstum in diesem Land, weil wir überzeugt sind, dass es dann allen besser geht.“

Jede und jeder müsse wieder die gleichen Möglichkeiten haben, im Leben etwas zu erreichen. Das sei nicht nur ein normativer Anspruch, sondern auch ein Wettbewerbsfaktor: „Wie werden wir wettbewerbsfähig? Indem wir die Besten erfolgreich sein lassen, auch Menschen, die vielleicht nicht diesen Bildungshintergrund haben.“

Bildung neu denken mit KI

Als KI-Unternehmerin denkt Büttner technologieoffen. „Wir haben ein Bildungssystem, das aus dem Industriezeitalter stammt. Technologie gibt uns jetzt die Möglichkeit, Bildung stärker zu personalisieren – ohne dass die Kosten explodieren.“ Künstliche Intelligenz könne beim Lernen unterstützen, Inhalte ausführlicher erklären und vertiefende Informationen liefern.

Mehr verdienen, weniger behalten?

Zum Aufstiegsversprechen gehört für sie auch, dass sich Leistung lohnen muss. Das deutsche Steuersystem sende hier die falschen Signale. „Wenn ich mit 5.000 Euro brutto am Monatsende teilweise weniger übrig habe als mit 3.000 Euro, weil Zuschüsse wegfallen und Abgaben steigen – wie soll man das erklären? Gar nicht.“

Dass sie ihren eigenen Leistungsanspruch ernst nimmt, will Büttner auch persönlich zeigen. Bei den kommenden Landtagswahlen stehen ihre Haare auf dem Spiel. Sollte die FDP den Einzug in den baden-württembergischen Landtag nicht schaffen, will sie sich die Haare abrasieren. „Meine Locken sind so ein bisschen ein Markenzeichen“, sagt sie. Diese abzuschneiden wäre für sie „ein deutliches Zeichen, dass ich es ernst meine“. Und sie ergänzt: „Ich sehne mich danach, dass Menschen Sachen ernst meinen.“

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Was Nicole Büttner geprägt hat

Warum sie einen Traumjob bei der Weltbank ausschlug, wo sie am Tag der Lehman-Pleite 2008 war, weshalb sie mit Badisch auf sieben Sprachen kommt und warum sie bei WG-Partys auch mal auf dem Flur geschlafen hat – all das wird in über fünf Stunden Gespräch deutlich. Reinhören lohnt sich.